Von dedizierten und dezidierten Grafikkarten

Etymologie,Germanistik — 3. Sep 2016

Heutige Computer-Prozessoren sind ab Fabrik häufig mit einem eingebauten Grafikchip ausgerüstet. Dies erlaubt es PC-Bauern, auf den Einbau einer herkömmlichen Grafikkarte (Steckkarte) zu verzichten, sofern keine hohen Grafik-Anforderungen bestehen. Es gibt daher heute Computer mit und ohne eingebauter Grafikkarte. Sofern eine Grafikkarte vorhanden ist, übernimmt diese die Grafik-Berechnungen, ansonsten kommt der (langsamere) integrierte Grafikchip zum Zug.

Dieser Umstand macht es bisweilen nötig, auch sprachlich zwischen beiden Konfigurationen zu unterscheiden. Auf Englisch liest man in diesem Zusammenhang meistens den Ausdruck dedicated graphics card, also eine Steckkarte, die sich ausschliesslich den Grafik-Berechnungen widmet, während der Prozessor in der anderen Konfiguration eben die Grafik-Berechnungen als eine von mehreren Aufgaben übernimmt. Interessant ist nun – womit wir endlich beim Thema wären – dass die dedicated graphics card nicht immer gleich ins Deutsche übersetzt wird. Man liest manchmal von einer dedizierten Grafikkarte, manchmal aber auch von einer dezidierten Grafikkarte. Kürzlich habe ich sogar beides in ein und demselben Artikel angetroffen. Aber was ist jetzt richtig?

Zunächst zur Herkunft der beiden Wörter: Beide stammen aus dem Lateinischen, sie gehen auf die Verben lat. dēdicāre ‘weihen, widmen’ bzw. lat. dēcīdere ‘entscheiden’ zurück.

Aus dem oben Gesagten geht hervor, dass hier die Bedeutung ‘gewidmet’ gemeint ist, eben weil sich die Steckkarte ganz den Grafik-Berechnungen widmen kann und soll. Und diese Bedeutung kommt von der Etymologie her eindeutig dem Partizip dediziert zu, das ja auch dem englischen dedicated entspricht. Dezidiert bedeutet dagegen ‘entschieden’, zum Beispiel in der Wendung dezidiert zu etwas Stellung nehmen, und ist hier fehl am Platz.

Was die Leute wohl zögern lässt, dediziert zu verwenden, ist der Umstand, dass das Verb dedizieren im Deutschen kaum mehr gebräuchlich ist, als stilistisch “gehoben” gilt und auch nur in speziellen Kontexten auftritt. In Korpus-Belegen kommt es vor allem im Zusammenhang mit einer persönlichen Widmung oder Schenkung vor, zum Beispiel jemandem ein Buch dedizieren. Die Bedeutung ‘ausschliesslich einem bestimmten Zweck gewidmet, fest zugeordnet (von Grafikkarten, Servern usw.)’ im Kontext der Informatik scheint erst in jüngerer Zeit unter dem Einfluss des Englischen dazugekommen zu sein. Dezidiert ist dagegen häufiger (und scheint im 20. Jh. sogar einen erstaunlichen Boom durchgemacht zu haben, der noch anhält), weshalb man es aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit wohl gern einmal anstelle von dediziert einsetzt, auch wenn es von der Bedeutung her eigentlich nicht passt.

etymologische aha-erlebnisse

Etymologie,gelesen — 18. Jan 2014

für mich gibt es kaum etwas schöneres in der sprachwissenschaft als etymologische aha-erlebnisse. auf einmal geht einem ein lichtlein auf und man versteht, wie die dinge zusammenhängen. unvergessen ist für mich zum beispiel der moment, als mich ein mitstudent darauf hingewiesen hat, dass atom und individuum eigentlich das gleiche ist. das benennungsmotiv und die wortbildung entsprechen sich in der tat genau: in beiden fällen war die ursprüngliche bedeutung ‘das unteilbare’, einfach einmal auf griechisch und einmal auf lateinisch.

ein ähnliches aha-erlebnis hatte ich heute, als mir aufgegangen ist, dass das dialektwort vergitzle ‘es nicht aushalten’ (meist in der wendung bin fascht vergitzlet ‘habe es kaum ausgehalten, bin (beinahe) aus der haut gefahren’) etwas mit dem gitzi, dem zicklein zu tun hat. es ist die gleiche bildung wie verchalbere ‘verwerfen, eine fehlgeburt haben’, das bei der kuh gebraucht wird, oder verlammere beim schaf. das wort bezeichnet also eigentlich das erleiden einer fehlgeburt bei der ziege. ich bin fascht vergitzlet heisst demnach im ursprünglichen sinn ‘ich hätte beinahe ein zicklein abortiert’ – wahrscheinlich im sinn von gezuckt und gezappelt wie eine abortierende ziege. ein drastisches bild!

das besondere an solchen aha-erlebnissen scheint mir zu sein, dass man im prinzip alles schon weiss, was man zur lösung des rätsels wissen muss, aber es im kopf noch nicht zusammengebracht hat. im erwähnten beispiel war mir etwa sowohl das verb vergitzle als auch das substantiv gitzi sowie die verben des typs verchalbere bekannt, ich bin aber nie auf die idee gekommen, dass sie etwas miteinander zu tun haben könnten. kommt dann der richtige hinweis – in der regel stösst man bei der lektüre eines etymologischen wörterbuchs darauf -, fällt es einem plötzlich wie schuppen von den augen und man versteht auf einen schlag, wie alles zusammenhängt.

se da

den mundartlichen ausdruck se da (phonetisch [sɛ da], mit betonung der ersten silbe) hört man in der schweiz häufig als begleitkommentar beim überreichen eines gegenstandes. wenn jemand zum beispiel in der küche nach einem schwingbesen fragt, streckt man ihr oder ihm diesen hin und spricht dazu se da! man hört auch etwa se da häsches! ‘hier hast du es!’ und derartiges.

im schweizerischen idiotikon habe ich auf anhieb nichts gefunden, was die herkunft von se da beleuchten könnte, aber im neuen zürichdeutschen wörterbuch von gallmann hat es einen eintrag dazu. gallmann meint, es handle sich beim ersten wort um die befehlsform des verbes sehen, beim zweiten um da wie im hochdeutschen, das ganze heisst also ‘siehe da!’, ‘schau hier!’, was vom kontext her gut passt. etwas seltsam ist nur, dass wir das einfache wort sehen sonst in der mundart gar nicht verwenden. wir brauchen stattdessen für (an-)schauen generell luege (imperativ lueg!), oder sonst gsee für ‘(passiv) sehen, wahrnehmen’ (ohne imperativ). es ist aber natürlich gut denkbar, dass in dieser wendung das noch im hochdeutschen gängige einfache verb sehen, bzw. eben die imperativform siehe!, überlebt hat.

was diese erklärung weiter stützt ist der umstand, dass se da dann exakt französisch voilà entspricht, das aus vois! (‘siehe’) und (‘da, dort’) besteht. ob se da eventuell sogar direkt dieser französischen vorlage nachgebildet ist, wäre noch zu prüfen, scheint mir aber durchaus möglich zu sein.

update 10.2.2015
das idiotikon äussert sich hierzu in Band VII, 1-12, unter dem stichwort sē/se (siehe besonders bedeutung 2a, sp. 7-10, sowie zur etymologie die anmerkung sp. 11f.). die darstellung im idiotikon erweckt den eindruck, es handle sich eher um eine alte interjektion, die erst sekundär mit dem verb sehen in berührung kam. die (mögliche) parallele in französisch voilà wird, soweit ich sehe, nicht erwähnt.

schwedische nachnamen auf -én, -ér usw.

im schwedischen gibt es einen verbreiteten zweisilbigen namenstyp auf -én, -ér usw. einen derartigen namen trug etwa der bekannte lyriker und bischof esaias tegnér. den sprachhistorikern sind sicherlich die herren elias wessén und adolf noreen bekannt. auch der nachname von alfred nobel (ebenfalls auf der zweiten silbe zu betonen), stifter der nobel-preise, ist hier einzureihen.

diese namen sind insofern auffällig, als sie nicht zu den in skandinavien sehr stark verbreiteten patronymika (typ johansson, andersson, nilsson usw.) gehören und sich ausserdem durch die betonung auf der zweiten silbe (zum teil orthographisch mit akut markiert) als “ungermanisch” zu erkennen geben. es muss daher mit sicherheit einfluss einer fremdsprache vorliegen.

einige ausführungen zur entstehung dieses namenstyps sind nachzulesen bei modéer 1964: 123-5 (passenderweise hat er selber einen namen auf -éer!). bei der genannten fremdsprache handelt es sich um das lateinische, die namen sind offenbar lateinische suffixableitungen zu schwedischen ortsnamen. man hat also zunächst zum ortsnamen nor eine herkunftsbezeichnung norenius gebildet (‘der aus nor stammende’), zum ortsnamen nöbbelöv die herkunftsbezeichnung nobelius (‘der aus nöbbelöv stammende’) usw. zur anwendung kamen gemäss modéer die lateinischen suffixe -elius, -enius, -erus und -onius. diese namen verloren dann im verlauf des 18. jahrhunderts (womöglich unter dem einfluss des französischen, das damals in mode war) ihre lateinischen endungen; es resultierten noreen, nobel usw. die endungsbetonung im schwedischen geht somit letzten endes auf die lateinische pänultimaregel zurück.

ein weiterer bekannter schwede mit einem solchen namen ist übrigens carl von linné, lat. linnaeus (basierend wohl auf schwed. lind ‘linde’).

literatur
modéer, ivar: svenska personnamn. lund 1964.

leute evakuieren

Etymologie,Linguistik — 17. Jan 2012

herkömmlicherweise werden bei bränden, unfällen, erdbeben und anderen katastrophen gebäude evakuiert. auch grosse fahrzeuge wie züge, cars oder – wie derzeit gerade aktuell – kreuzfahrtschiffe müssen bei gewissen ereignissen evakuiert werden.

neu ist allerdings, dass auch leute evakuiert werden. so wurden etwa nach dem unglück in fukushima gemäss zeitungsberichten zweihunderttausend bewohner evakuiert (link). in der waadt sind im letzten jahr nach einer anonymen bombendrohung rund 245 personen […] aus dem spital […] evakuiert worden (link). ähnlich beim hochwasser im herbst 2011, hier meldet die NZZ: insgesamt evakuierten die rega und ihre partner im überschwemmungsgebiet im berner oberland am nachmittag und abend rund 50 vom hochwasser bedrohte personen (link).

die herkunft des wortes ist schnell erklärt: es geht auf das lateinische adjektiv vacuus -a -um zurück, das ‘leer’ bedeutet; dazu ist das verb ēvacuāre ‘entleeren’ gebildet. von der selben grundlage haben wir im deutschen noch das vakuum ‘luftleerer raum’. evakuieren heisst also ursprünglich ‘leer machen, entleeren’. vor diesem hintergrund ergeben die formulierungen häuser evakuieren und schiffe evakuieren natürlich unmittelbar sinn, personen evakuieren dagegen weniger. was mit personen evakuieren im wörtlichen sinn gemeint sein könnte, möchte ich lieber nicht so genau wissen – ich stelle mir vor, es hat etwas mit chirurgen und einem skalpel zu tun.

natürlich ist aber personen evakuieren nicht falsch – es entspricht heute gängigem sprachgebrauch. es ist jedoch in anbetracht der etymologie völlig klar, dass es sich gegenüber der formulierung häuser evakuieren und schiffe evakuieren um eine jüngere verwendungsweise handelt, die erst möglich wurde, nachdem das wort evakuieren in seiner ursprünglichen bedeutung nicht mehr richtig verstanden worden ist.

(ps: auf die entwicklung des wortes evakuieren bin ich vor einiger zeit bei der lektüre eines blogs oder buches aufmerksam geworden, kann mich aber derzeit nicht erinnern, wo es war. jedenfalls reklamiere ich die beobachtung zur erweiterten verwendungsweise von evakuieren nicht für mich.)

batterie

Etymologie,Linguistik — 2. Oct 2011

vor gut einer woche war ich in der stadt basel, genauer gesagt auf der batterieanlage. bei dieser gelegenheit haben meine begleiter und ich uns gefragt, was es mit dem namen batterie auf sich hat, und ob es sich um dasselbe wort handelt wie bei batterie im sinn von ‘mobiler energiespeicher’.

nun zeigt sich, dass das wort batterie im deutschen seit dem 17. jahrhundert existiert und zunächst einen militärischen verwendungszweck hat. es bezeichnet eine aus mehreren einheiten bestehende artillerieeinheit. offenbar war die präzision der kanonen damals noch so schlecht, dass man jeweils mehrere kanoneneinheiten zu einer gruppe zusammenfasste und auf das selbe ziel schiessen liess, um die chance zu erhöhen, einen treffer zu landen. in dieser bedeutung ist das wort aus dem französischen bezogen, vgl. franz. batterie, eigentlich wörtlich ‘das schlagen’ (vom verb battre ‘schlagen’). auch der militärische ausdruck bataillon ‘militärischer verband’ geht auf diese grundlage zurück.

später wurde das wort auch auf den ort übertragen, wo sich die batterie befindet – also den artilleriestützpunkt. in diesem sinn ist also die batterieanlage in basel zu verstehen.

bei der batterie im sinn von ‘mobiler energiespeicher’ handelt es sich offenbar etymologisch gesehen tatsächlich um das selbe wort. im deutschen kommt es in dieser bedeutung erst seit dem 18. jh. vor und wurde über engl. battery vermittelt. wie es zu dieser bedeutungsübertragung kam scheint nicht restlos geklärt, aber die etymologen meinen, es dürfte etwas damit zu tun gehabt haben, dass bei einer batterie (‘artillerieeinheit’) – wie gesagt – mehrere kanonen zu einer einheit kombiniert wurden, um einen bestimmten wirkungsgrad zu erreichen. historische batterien (im sinn von ‘energiespeicher’) sind nämlich ebenfalls aus mehreren elementen aufgebaut, da sie erst durch die reihenschaltung mehrerer galvanischer zellen die gewünschte wirkung entfalten.

referenzen
kluge, f. & seebold, e. (2002): etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin. 24. auflage.
pfeifer, w. (1997): etymologisches wörterbuch des deutschen. münchen. 3. auflage.
wyld, h. c. (1961): the universal dictionary of the english language. london.

während

Etymologie,Linguistik — 8. Apr 2011

nun noch zur präposition/konjunktion während. die entstehung dieses wortes wird dann verständlich, wenn wir es mit dem heute etwas altmodisch klingenden und eher selten gebrauchten verb währen im sinn von ‘(an)dauern’ in verbindung bringen, z.B. in der krieg währte dreissig jahre. ist diese verbindung einmal etabliert, kann während formal problemlos mit dem präsenspartizip zu diesem verb identifiziert werden (so wie spielend zu spielen oder singend zu singen). wie aber kann es dazu gekommen sein, dass sich auf grundlage eines präsenspartizips eine präposition/konjunktion entwickelt hat?

vermutlich hat man an formulierungen wie in der zeit währender kriege oder nach dreissig jahre währendem krieg zu denken, die als in der zeit während der kriege bzw. während dem krieg missverstanden werden konnten. man hat also wohl aufgrund einer falschen segementierung gemeint, bei den wortauslauten -der und -dem handle es sich um den bestimmten artikel. in dieser analyse musste während als eine temporale präposition erscheinen, und als solche kam sie dann auch in allgemeinen gebrauch.

auch im fall von während ist es also möglich, durch den vergleich mit daten aus der gegenwartssprache, in diesem fall konkret durch die anknüpfung an das verb währen ‘(an)dauern’, etwas über die geschichte des wortes zu erfahren.

dieser beitrag beschliesst meine mini-serie zur etymologie.

referenzen
kluge, f. & seebold, e. (2002): etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin. 24. auflage.
pfeifer, w. (1997): etymologisches wörterbuch des deutschen. münchen. 3. auflage.

fertig

Etymologie,Linguistik — 1. Apr 2011

ein etwas schwierigerer fall ist fertig. die meistens muttersprachler können das wort vermutlich spontan nicht direkt an anderes wortmaterial anschliessen. dennoch ist die erklärung des wortes eigentlich relativ naheliegend; als hindernis entpuppt sich vor allem die orthographie. hält man sich einmal die (hochdeutsche) aussprache vor augen (bzw. ohren), ist es nicht allzu schwierig, auf eine verbindung zu fahren, fahrt und fähre zu schliessen. würde das wort (etymologisch richtig) fährtig geschrieben, wäre der zusammenhang sogar offensichtlich. das wort hängt mit fahren oder genauergesagt mit dem abstraktum fahrt zusammen: es ist ein von letzterem abgeleitetes adjektiv mit der ausgangsbedeutung ‘zur fahrt bereit, beweglich’. man kann sich vorstellen, dass es zunächst für einen zur abfahrt bereit gemachten wagen, eine zu transportierende ware, eine reisebereite person oder etwas in der art benutzt wurde, bevor es in seiner bedeutung verallgemeinert und für ‘bereit’ im generellen sinn, später auch für ‘abgeschlossen’ oder ‘erledigt’ verwendet wurde.

die verbindung zu einer bedeutung ‘befördern, transportieren’ zeigt sich noch in dialektalem sprachgebrauch. im bündner-walserischen etwa gibt es heute noch das gängige verb fergge(n) im sinn von ‘bringen, befördern’. dieses muss von fertig abgeleitet worden sein, als es noch die ältere bedeutung ‘transportbereit’ hatte. das neuhochdeutsche fertigen, das ihm strukturell genau entspricht, bedeutet dagegen ‘herstellen’ und stammt folglich aus einer zeit, wo fertig bereits den übergang von ‘zur fahrt bereit’ zu ‘bewerkstelligt, fertig, gemacht’ vollzogen hatte.

nächste woche: während.

lesen und auflesen

Etymologie,Linguistik — 17. Mar 2011

im anschluss an den letzten beitrag zum wort bisschen versuche ich wiederum an einem beispiel zu zeigen, wie man durch nachdenken über die sprache etwas über ihre geschichte lernen kann. diesmal geht es um das wort lesen ‘schrift interpretieren’. für sich alleine genommen verrät es wenig über seine herkunft, doch gibt es verwandtes wortmaterial, das uns erahnen lässt, wie lesen zu seiner heutigen bedeutung gekommen sein kann. ich denke dabei an die wörter auflesen und auslesen. in diesen zwei verben steckt offensichtlich das selbe wort -lesen drin, jeweils mit einer vorsilbe (präfix) versehen. die bedeutung unterscheidet sich aber grundlegend. mit der interpretation von schrift hat weder auflesen noch auslesen etwas zu tun – stattdessen geht es hier darum, ‘etwas vom boden aufzunehmen, aufzusammeln’ bzw. ‘etwas auszuwählen, etwas (aus einer menge) herauszupicken’. angenommen, die präfixbildungen hätten eine ältere bedeutung bewahrt, ergibt sich für das verb lesen ein anschauliches bild: nämlich das ‘aufnehmen’ oder ‘aufsammeln’ von buchstaben und wörtern. und tatsächlich eklären sich die etymologen die bedeutungsentwicklung des wortes auf diese oder eine ähnliche weise. dabei dürfte auch das lateinische verb legere eine rolle gespielt haben, das ein ganz ähnliches bedeutungsspektrum hatte und damit im verdacht steht, das vorbild für das deutsche lesen im sinn von ‘schriftzeichen interpretieren’ gewesen zu sein.

auch in anderen fällen lässt sich zeigen, dass präfixverben eine ältere wortbedeutung bewahren, während das wort, wo es ohne präfix vorkommt, einen bedeutungswandel durchgemacht hat. zum beispiel dürfen. das wort ist heute ein modalverb, das in erster linie im bedeutungsfeld ‘erlaubnis haben’ anzusiedeln ist. dass es nicht immer diese bedeutung gehabt hat, zeigt das präfixverb bedürfen – es weist auf eine ausgangsbedeutung ‘nötig haben’, die auch vom abgeleiteten substantiv bedarf und vom adjektiv bedürftig gefordert wird. übrigens hängt auch darben ‘mangel leiden’ damit zusammen, wenn auch die verwandtschaft in diesem fall etwas weniger direkt ist. dürfen hat also eine bedeutungsveränderung von ‘nötig haben’ zu ‘erlaubnis haben’ erfahren, die sich vermutlich in negierten sätzen entwickelte (‘hat nicht nötig’ → ‘muss nicht, soll nicht’ → ‘hat keine erlaubnis zu’). bedürfen hat dagegen den älteren stand bewahrt.

damit ist gezeigt, dass die bedeutungsentwicklung von lesen durch einen vergleich mit den präfixverben auflesen und auslesen erschlossen werden kann, weil die präfixverben eine ältere bedeutung erhalten haben – ein phänomen, für das sich bei dürfen und bedürfen eine parallele fand.

nächste woche: fertig.

bisschen und schlückchen

Etymologie,Linguistik — 4. Mar 2011

jeden tag verwenden wir sprache, ohne gross darüber nachzudenken, was es mit den wörtern und sätzen, die wir gebrauchen, auf sich hat. warum sagen wir so und nicht anders? im alltag ist diese frage unwichtig – sprache ist konvention, und als solche können wir sie nutzen, ohne sie zu hinterfragen.

wer sich aber die zeit nimmt, über seine sprache nachzudenken, kann einiges über sie und ihre geschichte in erfahrung bringen. es ist sogar recht erstaunlich, wie weit man ganz ohne etymologische wörterbücher und historische grammatiken kommt (obwohl – wer es genau wissen will kommt um diese natürlich nicht herum).

nehmen wir das wort bisschen. bei genauerem hinsehen ist das wort für jeden muttersprachler völlig durchsichtig: es ist eine verkleinerungsform mit -chen zu einem substantiv biss, das seinerseits vom verb beissen abgeleitet ist. die ursprüngliche bedeutung lässt sich als ‘kleiner bissen’ erschliessen. wie aber kommt es zur heutigen verwendung als adjektiv oder adverb mit der bedeutung ‘eine kleine menge’ (ein bisschen geld) oder ‘in geringem mass’ (ein bisschen zu spät)? auch dies ist nicht schwer zu erkennen: die heutige verwendung von bisschen wird ihren ursprung in sätzen gehabt haben, wo es um eine kleine menge von etwas essbarem ging, z.b. ein bisschen brot oder ein bisschen torte. in solchen sätzen konnte das wort bisschen statt als ‘ein kleiner bissen’ auch schlicht als eine ‘eine kleine menge von etwas’ aufgefasst werden, und dies erlaubte, das wort auch für ein bisschen wasser oder ein bisschen zeit zu verwenden, obwohl dort der bezug zu ‘beissen’ nicht mehr gegeben war. von dort war es nur noch ein kleiner schritt, das wort auch für tätigkeiten zu gebrauchen, die ‘in geringem mass’ stattfanden (ich fror ein bisschen).

man kann sich vorstellen, dass etwas paralleles auch mit schlückchen hätte passieren können, d.h. dass man ausgehend von phrasen wie ein schlückchen wein formulierungen wie ein schlückchen geld oder ich fror ein schlückchen hätte kreieren können. offenbar gab es aber kein bedürfnis dafür, noch ein weiteres wort für ‘eine kleine menge von etwas’ zu schaffen. so befinden wir uns also heute in der etwas paradoxen situation, zwar ein bisschen wein, nicht aber ein schlückchen brot zu uns nehmen zu können.

nächste woche: lesen und auflesen.

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