swiss german ‘idiotikon’ available online

Etymologie,Linguistik,Uni — 19. Sep 2010

news just reached me that the swiss german ‘idiotikon’ – by far the most extensive lexical ressource of the swiss german dialects – has been made available online. it has already been possible for a while to search the index online, but the search function only returned a pointer to the volume/page of the printed ‘idiotikon’, so that you still had to go to the library to read the article. but now, the results are actually links to scanned pages of the printed work, which are displayed directly in your browser. it’s even possible to move forward/backward from the current page, making it easy to browse the surrounding articles. it seems that the complete work is now accessible online, except the parts which haven’t been edited yet (parts of vol. 16 and vol. 17).

so if you’ve ever wondered what the word Glungge means, whether or not it’s charming to be called a Tubel, or why the word for ‘broom’ features an –m– in some swiss dialects (e.g. Bäsme), you can now easily look it up online.

nl. jullie

Etymologie,Linguistik — 21. May 2010

schon seit ich das erste mal gehört habe, dass die 2. pers. pl. des personalpronomens im niederländischen jullie lautet, habe ich mich gewundert, was es mit dieser form auf sich hat. vom deutschen her gesehen erscheint sie jedenfalls sehr auffällig, entspricht doch dort ihr. auch das englische you scheint höchstens entfernt verwandt, und in den nordgermanischen sprachen gibt es ebenfalls keine vergleichbare form (no. dere, schw. ni, dän. I, isl. þið). woher kommt also nl. jullie?

als ich heute darüber nachgedacht habe, ist mir dann eingefallen, dass es eine kontraktion aus ‘ihr’ + ‘alle’ sein könnte, entsprechend englisch you all. umgangssprachlich hört man ja im englischen öfters auch kontrahierte formen wie y’all, die beinahe schon als neues personalpronomen lexikalisiert sind, und im niederländischen könnte ja möglicherweise etwas ähnliches passiert sein. ob damit das richtige getroffen ist? zeit, einige wörterbücher zu wälzen…

das nachschlagen in etymologischen wörterbüchern zeigt dann rasch, dass diese erklärung nicht zutrifft. die herleitung der form ist zwar nicht unumstritten, aber im allgemeinen wird sie aus einer zusammenrückung des personalpronomens mit einem wort -lui erklärt, das eine form des wortes für ‘leute’ in der mündlichen (umgangs-)sprache darstellt (standardsprachlich lieden). es handelt sich bei dieser kontraktion, die zum resultat jullie geführt hat, um eine ziemlich neue entwicklung, die aber im mittelniederländischen durch phrasen wie vor ons lieden ‘für uns’ etc. bereits vorgespurt war.

das niederländische jullie ist damit also nicht mit englisch you all/y’all zu vergleichen, sondern mit you people oder dem besonders in amerika gängigen you guys – abgesehen davon, dass es sich um ein anderes lexem handelt, das verbaut wurde. der grund für diese umschreibungen war vermutlich in beiden sprachen derselbe, nämlich dass die form der 2. pers. pl. wegen der neuen verwendung als höflichkeitspronomen die alte singularform (engl. veraltet thou, nhd. du, no. du, etc.) verdrängte, und somit eine neue pluralform geschaffen werden musste, um wieder eindeutig zwischen singular und plural unterscheiden zu können.

nebenbeibemerkt geht aus dem oben gesagten auch hervor, dass die “angelsachsen” also – entgegen der verbreiteten meinung – durch die generelle verwendung der form you nicht als besonders locker gelten können, sondern eigentlich als besonders formell bezeichnet werden müssten, da mit you heute die höflichere variante der beiden pronomen (entspricht nhd. ihr) allgemeine verwendung findet, während die informellere (entspräche nhd. du, wenn es sie noch gäbe) aufgegeben wurde.

referenzen
philippa, m. et al. (ed.): etymologisch woordenboek van het nederlands. amsterdam 2003- (I-III).
schönfeld, m.: schönfeld’s historische grammatica van het nederlands. zutphen 1970.
de vries, j.: nederlands etymologisch woordenboek. leiden 1971.

ahenobarbus

vor kurzem bin ich über den lateinischen familiennamen (cognomen) ahenobarbus gestolpert, der anscheinend von einer ganzen familie von römischen politikern (konsuln) getragen wurde, zu denen auch der spätere kaiser nero gehörte. sie hiessen alle gnaeus domitius ahenobarbus oder lucius domitius ahenobarbus. aber was für ein name ist ahenobarbus? zumindest der erste teil des wortes kam mir nicht sehr lateinisch vor, da das lateinische in der regel in intervokalischer position keinen –h– laut kennt (im gegensatz zum anlaut, wo er gängig ist: hostis, habēre usw.).

mit dem oxford latin dictionary war die frage aber schnell geklärt. das vorderglied ahenus ist einfach eine variante zu aēnus a um ‘aus bronze, bronzenfarbig’, und das ganze ist dann ein possessivkompositum (bahuvrihi) mit der bedeutung ‘einer mit bronzefarbigem bart; rotbart’.

update
es gibt doch mehr lat. wörter mit inlautendem –h– als ich zunächst dachte, z.b. veho ‘fahre’, traho ‘ziehe’. zum schwund von –h– vgl. meiser 1998: §74,15; zur (nicht-)aussprache in der klass. zeit vgl. §42,3. das –h– in ahenam interpretiert meiser als silbentrennungszeichen, s. §74,15.

referenz
meiser, g.: historische laut- und formenlehre der lateinischen sprache. darmstadt 1998.

sprachwandel nach a. s. diamond

Etymologie,gelesen,Linguistik — 7. May 2009

da der zeitpunkt, zu dem die menschliche sprache entstanden ist, sehr weit
in der vorgeschichte zurückliegt, werden wir nie eine sichere
antwort auf die frage haben, wie dieser vorgang genau abgelaufen
ist. das hat die leute aber nicht davon abgehalten, trotzdem die
verschiedensten sprachursprungstheorien zu entwickeln – allesamt
hochgradig spekulativ, aber dafür sehr originell. mittlerweile ist
die disziplin sogar so beliebt geworden, dass sie einen eigenen namen
erhalten hat: die glottogonie.

meine liebste sprachursprungstheorie ist nun die von einem herrn diamond
(1959:258ff). er ist der ansicht, dass am anfang der sprachentwicklung
geräusche standen, die man bei kräftigen bewegungen des arms
unwillentlich von sich gibt. bei verschiedenen arbeitstätigkeiten (er
nennt schneiden, brechen, zerquetschen, schlagen) hätten die menschen
aufgrund der anstrengung verschiedene geräusche produziert, die dann mit
der entsprechenden verbalhandlung assoziert worden seien. um anderen
menschen gegenüber klar zu machen, welche verbalhandlung man meint,
konnte man dann das jeweilige geräusch nachahmen. daraus
hätte sich durch präzisierung usw. eine richtige sprache entwickelt. am
anfang hätten dann genau die vier oben genannten verben gestanden, weil
diese einen “maximum arm effort” erforderten, also besonders anstrengend
waren und deshalb mit einem hörbaren geräusch einhergingen. diese wörter wären also die ältesten, und dies meint diamond sogar aufgrund der ältesten belegten sprachstufen nachweisen zu können.

na, überzeugt…? ;]

referenz

diamond, a. s.: the history and origin of language. london 1959.

QUIZ der vergleichenden germanischen sprachwissenschaft

Etymologie,Linguistik,Uni,VGS — 8. Apr 2009

pünktlich zu ostern ist das grosse QUIZ der vergleichenden germanischen sprachwissenschaft aus dem ei geschlüpft. es besteht aus insgesamt 100 fragen aus dem bereich altgermanistik, historische sprachwissenschaft sowie geschichte und kultur der germanen, mit ansteigendem schwierigkeitsgrad. wer es bis zur letzten frage schafft, darf sich mit fug und recht “grosswesir der VGS” nennen!

fragen, rückmeldungen, kritik usw. bitte als kommentare zu diesem blog-post hinterlassen.

ich wünsche allen viel spass beim knobeln :)

die etymologie von cheeseburger

Etymologie,Linguistik,VGS — 9. Sep 2008

der erste teil, cheese-, bedarf keiner erklärung. aber was ist eigentlich (-)burger?

der ursprung von burger ist im wort hamburger zu suchen. dies bezeichnete ursprünglich ganz einfach eine speise, die aus hamburg (DE) kommt, so wie die wienerwürste auch wiener oder die frankfurter würste frankfurter, bzw. in der schweiz frankfurterli heissen. dieses wort hamburger wurde dann ins englische entleht. dort hat man es offensichtlich nicht mehr mit der stadt hamburg assoziiert, sondern man glaubte engl. ham ‘Schinken’ darin zu sehen. dass dies ziemlich absurd war, da ein hamburger gar keinen schinken enthält, hat offenbar niemanden gestört. durch die neuinterpretation von ham- in hamburger musste das hinterglied, –burger, das generelle konzept dieser speise bezeichnen, d.h. ein ‘warmes sandwich’. dies machte in der folge neubildungen wie cheeseburger möglich, und burger ist heute im englischen auch als simplex geläufig.

die neuinterpretation von hamburger als kompositum ham-burger ist eine klassische volksetymologie.

das hinterglied des ortsnamens hamburg ist natürlich mit nhd. burg identisch, d.h. dass der cheeseburger rein etymologisch gesehen eigentlich ‘(die speise aus der) käsestadt, käseburg’ sein müsste.

referenz
kluge, f. und seebold, e.: etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin 2002. 24. auflage.

Der Name von Istanbul

Der Name der Stadt Istanbul ist, wie so vieles in der Sprachgeschichte, eigentlich ein Missverständnis. Anscheinend ist der Name aus der griechischen Phrase εἰς τὴν πόλιν (bzw. εἰς τὰν πόλιν) entstanden – was soviel bedeutet wie ‘in die Stadt hinein’.

Mann muss sich das wohl so vorstellen, dass nach Konstantinopel reisende Griechen auf die Frage, wo sie hingingen, jeweils εἰς τὴν πόλιν, ‘in die Stadt’ geantwortet haben. Ihre Gegenüber, wohl dem Griechischen weniger mächtige Leute, haben allerdings die Phrase nicht richtig verstanden, und sich gedacht, dass dies der Name der Stadt sein müsse.

What happened to the Etymological Dictionary of Old English?

Does anyone know what happened to the Etymological Dictionary of Old English by Alfred Bammesberger? Bammesberger talks about this as a project he’s working on in the preface of some of his publications (e.g. Aufbau des germanischen Verbalsystems, Heidelberg 1986), but I don’t think he ever finished it. I’ve found only two publications related to this: One [1] seems to be a sort of preliminary study (or rather an addenda/corrigenda to Holthausen [2]?), the other is a speech of his that was published in 1983 about the dictionary [3]. So can anyone tell me whether he has given up on it (he’s an emeritus by now) or whether someone is still working on it? Were any of the results ever published?

[1] Bammesberger, Alfred: Beiträge zu einem etymologischen Wörterbuch des Altenglischen. Heidelberg 1979.
[2] Holthausen, Ferdinand: Altenglisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg 1963.
[3] Bammesberger, Alfred: Das etymologische Wörterbuch des Altenglischen: Probleme und Methoden. In: Hasler, Jörg (Hrsg.): Anglistentag 1981: Vorträge. Frankfurt am Main 1983. S. 29-34.

die sechs phasen der etymologischen recherche

  1. wildes assoziieren: das wort X gehört bestimmt zu Y! oder es ist eine ableitung vom verb Z! wobei, zwar… es könnte natürlich auch vom substantiv R rückgebildet sein… oder mit ablaut zu Q? mit grammatischem wechsel zu W?
  2. voreilige triumphgefühle: wie bitte, die etymologischen wörterbücher sagen, es gehört zu P? das kann ja wohl nicht ihr ernst sein? LOL das lässt sich bestimmt leicht zeigen, dass es stattdessen zu Q gehört!
  3. verzettelung: ach so, in diesem wörterbuch steht jetzt, dass das wort gar nicht zu P, sondern zu einer variante P(2) gehört, die ich aber nirgendwo finde? ausserdem stehen hier ein paar formen, die fast gleich aussehen, wie die im anderen wörterbuch, aber doch nicht genau gleich lauten? und was ist mit diesen anderen belegen hier, könnten die nicht vielleicht auch noch dazu gehören? hm, ich muss wohl mal noch in den wörterbüchern L und M und N nachschauen.
  4. komplettes chaos: häh? das passt ja alles gar nicht zusammen? die wörterbücher wiedersprechen sich ja gegenseitig? und wer referiert hier genau wen? habe ich vorher nicht grad gelesen, dass X nicht von Y, sondern umgekehrt Y von X angeleitet sei? aber wo habe ich das bloss gelesen? und wieso ist hier ganz eine andere bedeutungsangabe? ist das vielleicht gar nicht dieselbe wurzel, sondern eine andere, homonyme?
  5. lichtung der nebelschwaden: hmm, aha, wenn man mal die ganze sekundärliteratur systematisch durchliest, macht das alles mehr sinn.
  6. ernüchterung: tja, ich muss zugeben, dass die bisherige etymologie wohl doch die beste ist.
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