Dissertation nun online verfügbar

Wie angekündigt ist meine Dissertation nun online als PDF-Download verfügbar, zu finden im Document Repository der Uni Zürich. Als Lizenz habe ich die “Creative Commons: attribution-noncommercial-no derivative works 3.0” gewählt. Das Dokument darf also frei bezogen und verteilt, aber nicht verändert oder kommerziell genutzt werden.

Die Onlinefassung ist seitenidentisch mit der gedruckten und ist vollständig durchsuchbar (Volltextsuche).

Zur Erinnerung, das Werk ist auch weiterhin als Buch direkt beim Verlag bestellbar. Einige Hintergrundinformationen zu dieser doppelten Publikationsstrategie hier.

English:
As announced, my dissertation is now available online as a PDF download. It can be found in the document repository of the University of Zurich. I chose the “Creative Commons: attribution-noncommercial-no derivative works 3.0” license. This means that the document can be downloaded and shared freely, but cannot be changed or used commercially.

The online version is page-identical to the printed one and is fully searchable.

As a reminder, you can also order the dissertation as a book directly from the publisher. Some background information about this dual publication strategy can be found here.

se da

den mundartlichen ausdruck se da (phonetisch [sɛ da], mit betonung der ersten silbe) hört man in der schweiz häufig als begleitkommentar beim überreichen eines gegenstandes. wenn jemand zum beispiel in der küche nach einem schwingbesen fragt, streckt man ihr oder ihm diesen hin und spricht dazu se da! man hört auch etwa se da häsches! ‘hier hast du es!’ und derartiges.

im schweizerischen idiotikon habe ich auf anhieb nichts gefunden, was die herkunft von se da beleuchten könnte, aber im neuen zürichdeutschen wörterbuch von gallmann hat es einen eintrag dazu. gallmann meint, es handle sich beim ersten wort um die befehlsform des verbes sehen, beim zweiten um da wie im hochdeutschen, das ganze heisst also ‘siehe da!’, ‘schau hier!’, was vom kontext her gut passt. etwas seltsam ist nur, dass wir das einfache wort sehen sonst in der mundart gar nicht verwenden. wir brauchen stattdessen für (an-)schauen generell luege (imperativ lueg!), oder sonst gsee für ‘(passiv) sehen, wahrnehmen’ (ohne imperativ). es ist aber natürlich gut denkbar, dass in dieser wendung das noch im hochdeutschen gängige einfache verb sehen, bzw. eben die imperativform siehe!, überlebt hat.

was diese erklärung weiter stützt ist der umstand, dass se da dann exakt französisch voilà entspricht, das aus vois! (‘siehe’) und (‘da, dort’) besteht. ob se da eventuell sogar direkt dieser französischen vorlage nachgebildet ist, wäre noch zu prüfen, scheint mir aber durchaus möglich zu sein.

update 10.2.2015
das idiotikon äussert sich hierzu in Band VII, 1-12, unter dem stichwort sē/se (siehe besonders bedeutung 2a, sp. 7-10, sowie zur etymologie die anmerkung sp. 11f.). die darstellung im idiotikon erweckt den eindruck, es handle sich eher um eine alte interjektion, die erst sekundär mit dem verb sehen in berührung kam. die (mögliche) parallele in französisch voilà wird, soweit ich sehe, nicht erwähnt.

vgs-workshop “junge altgermanistik” 2014

Linguistik,Uni,VGS — 18. May 2013

vom 6.-7. februar 2014 führt die abteilung für vergleichende germanische sprachwissenschaft der universität zürich einen nachwuchs-workshop mit dem titel “junge altgermanistik” durch. es läuft eine ausschreibung.

sterne vorne und sterne hinten

Diss,Linguistik,Uni,VGS — 16. Apr 2013

in der sprachgeschichte gibt es die konvention, dass wörter durch das voranstellen eines sterns als rekonstrukte markiert werden. so wird beispielsweise das urgermanische wort für ‘erde’ als *erþō notiert, das urindogermanische wort für ‘schaf’ als *h₃euis. bis auf wenige ausnahmen wird diese konvention in der fachliteratur allgemein befolgt. daneben gibt es eine weniger verbreitete konvention, formen mit einem stern hinten zu versehen. dies soll anzeigen, dass es sich um ein wort handelt, das in der entsprechenden sprache zwar bezeugt ist, aber nicht in der zitierten form. dies ist besonders bei kleinkorpussprachen wie dem gotischen nützlich. da die gesamte überlieferung des gotischen im wesentlichen aus nur einem grösseren text, nämlich der bibelübersetzung, besteht, sind von vielen wörtern nur einzelne flexionsformen bezeugt. als beispiel sei das wort für ‘zahn’ genannt, das im dativ (tunþau) und akkusativ singular (tunþu) sowie im genetiv (tunþiwē) und akkusativ plural (tunþuns) bezeugt ist. der nominativ singular ist dagegen nicht bezeugt. aufgrund des vergleichs mit anderen u-stämmen können wir aber mit relativ hoher sicherheit sagen, dass die form auf -us ausgelautet haben muss. die notation als tunþus* erlaubt nun, explizit zu machen, dass dieses wort im gotischen zwar belegt ist, dass aber der nominativ als solcher ergänzt wurde. in fachpublikationen, in denen diese konvention nicht befolgt wird, wird der leser meist im unklaren gelassen, ob eine entsprechende form überhaupt bezeugt ist oder vom autor lediglich ergänzt wurde. so erscheint zum beispiel tunþus in vielen publikationen ohne stern, ohne dass der leser darüber informiert würde, dass diese form so gar nicht bezeugt ist.

die konvention mit dem stern hinten erscheint mir sinnvoll und ich habe sie deshalb für das gotische auch in meiner dissertation befolgt — leider aber nicht von anfang an, so dass ich gegen schluss der arbeit noch einmal einen langwierigen durchgang durch die arbeit machen musste und eine vielzahl an formen zu überprüfen hatte. dabei ist mir aufgefallen, dass diese an und für sich einfache konvention kniffliger handzuhaben ist als ich es zunächst gedacht hatte. es zeigte sich, dass nicht alle fälle, in denen man einen stern hinten setzen kann, gleich sind, und diese in der fachliteratur zum teil auch unterschiedlich behandelt werden. so setzt casaretto 2004 zum beispiel den stern hinten bei sämtlichen formen, die nicht als solche belegt sind. in der gotischen grammatik von braune/heidermanns wird dagegen etwas anders verfahren. wenn man sich die nominalparadigmen anschaut, sieht man, dass der stern hinten nur dort gesetzt wird, wo eine paradigmenform bei keinem wort des entsprechenden paradigmas belegt ist. als beispiel sei der akkusativ singular der kurzsilbigen ja-stämme genannt, wo die form in der grammatik als hari* angegeben wird. ein solcher akkusativ auf –i ist bei keinem der substantive, die nach diesem paradigma gehen, bezeugt. erschlossen wird er aufgrund des (nahe verwandten) paradigmas der langsilbigen ja-stämme: dort ist der akkusativ auf –i bezeugt. bei gasts ‘gast’ werden dagegen im paradigma keine formen mit stern markiert, obwohl einige davon nicht belegt sind. über die tatsächliche belegsituation wird man erst im begleittext informiert, der den paradigmen beigefügt ist. im text der grammatik kommt dann im gegensatz zu den paradigmen die gleiche notation wie in der oben genannten publikation von casaretto zur anwendung. etwas überrascht habe ich dabei festgestellt, dass die in der fachliteratur überaus häufig zitierte form gastē (gen. pl.) so gar nicht bezeugt ist… besser wäre es also, diese form als gastē* zu notieren.

wie aus dem gesagten hervorgeht, gibt es also einen unterschied zwischen gastē* und tunþus* auf der einen und hari* auf der anderen seite. erstere sind als etwas sicherer zu bewerten, da sie bei anderen substantiven des gleichen paradigmas bezeugt sind. wenn man es ganz genau nehmen würde, müsste man eigentlich erwägen, diesen unterschied ebenfalls in der notationsweise zu berücksichtigen.

ein weiterer zweifelsfall liegt dort vor, wo zwei formen im paradigma gleich lauten, aber nur die eine belegt ist. so gibt es zum beispiel den fall, dass nominativ und akkusativ in einem paradigma gleich lauten, aber nur der akkusativ belegt ist. dies ist etwa beim -stamm got. spilda ‘tafel’ der fall. darf man nun den nominativ als spilda ohne stern notieren? zwar ist die form ja belegt, aber nicht in der funktion als nominativ, und es bleibt eine (wenn auch sehr geringe) unsicherheit, ob der nominativ wirklich so gelautet hat.

insgesamt scheint mir die notation wie bei casaretto 2004 und im text der gotischen grammatik am sinnvollsten zu sein. man kann sich dann nämlich an die faustregel halten, dass sämtliche wortformen, die nicht in dieser form bezeugt sind, mit einem stern markiert werden: die rekonstruierten vorne, die ergänzten hinten. dies schliesst auch den zuletzt genannten fall ein: wenn der akkusativ gleich lautet wie der nominativ, darf auch der nominativ ohne stern wiedergegeben werden, da die form als solche bezeugt ist, wenn auch nicht im exakt gleichen syntaktischen zusammenhang.

literatur

  • casaretto, antje (2004): nominale wortbildung der gotischen sprache. die derivation der substantive. heidelberg.
  • braune, wilhelm / heidermanns, frank (2004): gotische grammatik. 20. auflage. tübingen.

der fondue-effekt

Linguistik,Uni — 5. Apr 2013

forschung beginnt meist mit einer einfachen frage. warum ist etwas so und nicht anders? auf diese frage auch eine einfache antwort zu finden, gelingt jedoch kaum je. sobald man anfängt, sich genauer mit einer problemstellung auseinanderzusetzen, wird es kompliziert: die sache zieht fäden.

käsig...

aus: asterix bei den schweizern (goscinny/uderzo)

in der sprachhistorischen forschung ist die ausgangslage häufig die, dass man sich mit daten aus unterschiedlichen zeiten und/oder sprachen konfrontiert sieht, die nicht unmittelbar zusammenpassen. in der folge stellt man hypothesen über die entwicklungen auf, die erklären sollen, wie die vorliegenden daten auf einen nenner zu bringen sind. da man diese hypothesen meist nicht direkt beweisen oder widerlegen kann, versucht man sie durch vergleichsfälle aus anderen sprachen oder zeiten, wo die entwicklungen ähnlich verlaufen sind, zu stützen. nur selten gelingt es allerdings, einen idealen vergleichsfall zu finden. die vergleichsfälle entpuppen sich als ihrerseits erklärungsbedürftig und machen zusätzliche ausführungen nötig, werfen vielleicht sogar ganz neue fragen auf, die, genau genommen, vorgängig noch geklärt werden müssten.

wo man anfänglich vielleicht nur einen einzelnen grund für ein bestimmtes phänomen vermutet hat, stösst man auf eine vielzahl an faktoren, die mitberücksichtigt werden müssen. je tiefer man sich in die forschungsliteratur einliest, desto mehr neue spuren ergeben sich, die zu verfolgen notwendig erscheint. es kommen laufend neue gesichtspunkte dazu. man sieht sich gezwungen, den skopus der untersuchung auszuweiten, das manuskript wird immer länger, fussnote reiht sich an fussnote, die bibliographie schwillt an usw. so kommt man vom hundertsten ins tausendste, und wer nicht aufpasst, landet bei adam und eva – oder, um im bild zu bleiben, verheddert sich im käsig-klebrigen durcheinander. ein held, wer dann sein brötchen noch auf der gabel hat!

shoutouts für sprachlog und wortgeschichten

Linguistik — 8. Dec 2012

an dieser stelle zwei kurze hinweise auf blogs, die für sprachinteressierte von interesse sein könnten. erstens möchte ich auf den sprachlog hinweisen, ein neuer sammelblog, in dem unter anderem der frühere blog namens [ʃplɔk] von kristin aufgegangen ist. dort wurde diese woche unter anderem mit der millionen/billionen-konfusion aufgeräumt.

als zweites möchte ich auf die wortgeschichten verweisen; ein angebot, das von redaktoren des schweizerischen idiotikons (ja, es heisst wirklich so) betrieben wird. wer sich für die lexikologie des schweizerdeutschen interessiert, wird dort auf interessanten lesestoff stossen.

das englische als skandinavische sprache?

Linguistik,Uni,VGS — 2. Dec 2012

zur zeit macht eine meldung die runde, wonach das englische angeblich nicht wie bisher gedacht eine westgermanische, sondern eine skandinavische (nordgermanische) sprache sein soll. die quelle, soweit ich sie zurückverfolgen konnte, ist dieser beitrag im research magazine der uni oslo. dahinter stehen der norwegische professor faarlund und sein kollege emmonds, die es zu meinem erstaunen mit dieser gewagten these sogar bis in die nzz am sonntag (ausgabe vom 2. dez., s. 69) geschafft haben.

die these lautet in einer kürzestzusammenfassung folgendermassen: das heutige englische ist nicht ein fortsetzer des altenglischen, das angeblich ausgestorben sein soll, sondern es ist die sprache der damals in teilen englands ansässigen skandinavier, umgeformt durch vielfältige einflüsse der einheimischen, englischsprachigen bevölkerung.

manch einer wird sich nun fragen, ob da etwas dran ist. wird man an universitäten weltweit bald alle englischen institute den skandinavistischen abteilungen angliedern müssen? zur beruhigung nicht nur der universitären administrationen darf ich entwarnung geben: nein, an der these ist nichts dran.

zunächst ist einmal zu sagen, dass das englische weltweit zu den am besten erforschten sprachen gehört. schon generationen von forschern haben sich mit der entwicklung des englischen beschäftigt, und die menge an forschungsliteratur füllt ganze bibliotheken. dass sich alle diese forscher in einem so grundsätzlichen punkt geirrt haben könnten, ist zwar nicht prinzipiell auszuschliessen, aber höchst unwahrscheinlich. wer also etwas anderes behauptet, braucht sehr gute, zwingende argumente. was faarlund und emmonds für ihre these ins feld führen, ist nun allerdings alles andere als zwingend (ich beziehe mich dabei auf den artikel im research magazine, da eine wissenschaftliche publikation so weit ich weiss bisher nicht erfolgt ist). aus dem magazin-artikel geht hervor, dass sich die argumentation auf zwei punkte abstützt, den wortschatz und die syntax. wieso beides nicht überzeugend ist, möchte ich im folgenden kurz ausführen.

unbestritten ist, dass die englische sprache in der zeit des danelaw durch die in england ansässigen skandinavier beeinflusst worden ist. davon zeugen in erster linie die recht zahlreichen skandinavischen lehnwörter im englischen. bekanntlich gehören auch wörter des grundwortschatzes wie das verb to take oder substantive wie skirt oder skin dazu. zudem gibt es vereinzelte einflüsse auf die grammatik, so stammt zum beispiel das pronomen they aus dem nordgermanischen. das ein pronomen entlehnt wird, ist tatsächlich eher ungewöhnlich und zeugt von einem vertieften kontakt.

nun ist es allerdings so, dass man in der sprachhistorischen forschung für fragen der genetischen verwandtschaft von sprachen den wortschatz ausser acht zu lassen pflegt. der grund dafür ist einfach: entlehnungen von wörtern sind äusserst häufig und können den wortschatz einer sprache in relativer kurzer zeit so stark transformieren, dass die genetische herkunft unter umständen nicht mehr deutlich zu erkennen ist. der wortschatz kann daher kulturkontakt aufzeigen, taugt aber nicht zur beurteilung der genetischen verwandtschaft. das beste beispiel dafür liefert ironischerweise das englische: ein grossteil des englischen wortschatzes ist lateinischer oder romanischer herkunft – das macht das englische aber noch lange nicht zu einer romanischen sprache.

aus diesem grund werden in der forschung für die frage nach der einordnung einer sprache in ihren stammbaum mit gutem grund die grammatischen komponenten höher gewichtet. am grammatischen system ist denn auch heute noch leicht zu erkennen, dass das englische in die germanische sprachfamilie gehört: formenbildung und satzbau beweisen zweifellos die zugehörigkeit zum germanischen. daher tun faarlund und emmonds sicher gut daran, die syntax zu beachten. dies ist nur schon deswegen verdienstvoll, weil die syntax in der traditionellen sprachgeschichtsforschung oft vernachlässigt worden ist. die angeführten beispiele sind allerdings kaum geeignet, um die skandinavische herkunft des englischen aufzuzeigen.

sicherlich gibt es übereinstimmungen. man vergleiche zum beispiel den satztyp mit einer präposition in satzschliessender position:

Engl. This we have talked about.
No. Dette har vi snakka om.

dies ist in der tat ein unterschied zu den anderen westgermanischen sprachen: im deutschen zum beispiel ist dieser satzbau nicht möglich. es ist aber keineswegs so, dass diese situation nur eine interpretation zulassen würde. so scheint es mir durchaus möglich, dass es sich um einen lehneinfluss handeln könnte. denkbar wäre auch, dass es sich bei den syntaktischen übereinstimmungen in einzelnen fällen um gemeinsames erbe handelt. dies würde insofern nicht erstaunen, als es auch in der formenbildung einige übereinstimmungen zwischen dem englischen und dem skandinavischen gibt (vgl. dazu zum beispiel die arbeit von h.f. nielsen 1985). dies bedeutet also nichts neues und würde lediglich die bereits bekannte tatsache bestätigen, dass das englische von den westgermanischen sprachen diejenige ist, die am meisten gemeinsamkeiten mit dem nordgermanischen aufweist. der schluss, dass das englische deshalb insgesamt als skandinavische sprache zu gelten habe, ergibt sich daraus ganz sicher nicht.

ausgeblendet wird ferner die möglichkeit, dass die syntaktischen strukturen unabhängig voneinander entstanden sind. im deutschen ist zum beispiel die sehr ähnliche konstruktion er schliesst die türe auf möglich. nun ist auf hier auf das verb bezogen (aufschliessen), aber historisch gesehen handelt es sich natürlich um das gleiche wort wie in der präpositionalphrase auf dem tisch. der oben genannte satztyp mit satzschliessender präposition könnte sich leicht aus diesem typ entwickelt haben. solange also zwingende beweise fehlen, taugen diese übereinstimmungen nicht zum beweis der skandinavischen herkunft des englischen.

völlig unberücksichtigt geblieben sind im rahmen der hier diskutierten these ferner die lautlehre und die formenbildung – jedenfalls ist davon im artikel nichts zu finden. das ist ein schwachpunkt der these, denn sowohl die lautlehre wie auch die formenlehre des modernen englischen sind ohne weiteres als direkte fortsetzer des altenglischen verständlich und unterstützen die these vom ausgestorbenen altenglischen und der skandinavischen herkunft des modernen englischen in keiner weise. auch der grösste teil des wortschatzes, wenn man ihn denn berücksichtigen will, setzt natürlich einheimisches wortgut fort; nur ein bruchteil stammt aus dem skandinavischen. an diesem gesamtbild ändert auch ein vereinzelter lehneinfluss wie die aufnahme des nordgermanischen personalpronomens they nichts. zum vergleich: alle anderen personalpronomen des englischen (I, you, he, she [1], it, we) stellen direkte fortsetzer der entsprechenden altenglischen pronomina dar; von anderen typisch skandinavischen personalpronomen wie norwegisch han ‘er’, hun ‘sie’ fehlt im englischen jede spur.

literatur
nielsen, hans frede (1985). old english and the continental germanic languages. innsbruck. 2. auflage.

anmerkungen
[1] der fall von engl. she ist etwas kompliziert, aber jedenfalls ist es sicher nicht skandinavischer herkunft.

schwedische nachnamen auf -én, -ér usw.

im schwedischen gibt es einen verbreiteten zweisilbigen namenstyp auf -én, -ér usw. einen derartigen namen trug etwa der bekannte lyriker und bischof esaias tegnér. den sprachhistorikern sind sicherlich die herren elias wessén und adolf noreen bekannt. auch der nachname von alfred nobel (ebenfalls auf der zweiten silbe zu betonen), stifter der nobel-preise, ist hier einzureihen.

diese namen sind insofern auffällig, als sie nicht zu den in skandinavien sehr stark verbreiteten patronymika (typ johansson, andersson, nilsson usw.) gehören und sich ausserdem durch die betonung auf der zweiten silbe (zum teil orthographisch mit akut markiert) als “ungermanisch” zu erkennen geben. es muss daher mit sicherheit einfluss einer fremdsprache vorliegen.

einige ausführungen zur entstehung dieses namenstyps sind nachzulesen bei modéer 1964: 123-5 (passenderweise hat er selber einen namen auf -éer!). bei der genannten fremdsprache handelt es sich um das lateinische, die namen sind offenbar lateinische suffixableitungen zu schwedischen ortsnamen. man hat also zunächst zum ortsnamen nor eine herkunftsbezeichnung norenius gebildet (‘der aus nor stammende’), zum ortsnamen nöbbelöv die herkunftsbezeichnung nobelius (‘der aus nöbbelöv stammende’) usw. zur anwendung kamen gemäss modéer die lateinischen suffixe -elius, -enius, -erus und -onius. diese namen verloren dann im verlauf des 18. jahrhunderts (womöglich unter dem einfluss des französischen, das damals in mode war) ihre lateinischen endungen; es resultierten noreen, nobel usw. die endungsbetonung im schwedischen geht somit letzten endes auf die lateinische pänultimaregel zurück.

ein weiterer bekannter schwede mit einem solchen namen ist übrigens carl von linné, lat. linnaeus (basierend wohl auf schwed. lind ‘linde’).

literatur
modéer, ivar: svenska personnamn. lund 1964.

rechts halbhohes u

ich bin vor kurzem auf eine buchstabenvariante des <u> aufmerksam geworden, die mir anhin noch nie begegnet war. es handelt sich um ein <u>, dessen rechte seite nur halbhoch ist. verwendet wurde es in älteren wissenschaftlichen publikationen zur schweizerdeutschen dialektologie, die bedeutung ist offenbar die eines (über-?)kurzen /u/-lautes.

ob dieses besondere zeichen überhaupt im unicode standard vorkommt war mir nicht klar, jedenfalls wüsste ich keine schriftart, die das zeichen enthält. mit fontforge liess sich das problem aber ohne grosse mühe lösen. das resultat sieht dann folgendermassen aus (schriftart ist linux libertine):

die variante der schriftart mit rechts halbhohem u stelle ich auf anfrage gerne zur verfügung. falls jemand mehr über diesen buchstaben und seine verwendungsweise weiss, bitte melden.

leute evakuieren

Etymologie,Linguistik — 17. Jan 2012

herkömmlicherweise werden bei bränden, unfällen, erdbeben und anderen katastrophen gebäude evakuiert. auch grosse fahrzeuge wie züge, cars oder – wie derzeit gerade aktuell – kreuzfahrtschiffe müssen bei gewissen ereignissen evakuiert werden.

neu ist allerdings, dass auch leute evakuiert werden. so wurden etwa nach dem unglück in fukushima gemäss zeitungsberichten zweihunderttausend bewohner evakuiert (link). in der waadt sind im letzten jahr nach einer anonymen bombendrohung rund 245 personen […] aus dem spital […] evakuiert worden (link). ähnlich beim hochwasser im herbst 2011, hier meldet die NZZ: insgesamt evakuierten die rega und ihre partner im überschwemmungsgebiet im berner oberland am nachmittag und abend rund 50 vom hochwasser bedrohte personen (link).

die herkunft des wortes ist schnell erklärt: es geht auf das lateinische adjektiv vacuus -a -um zurück, das ‘leer’ bedeutet; dazu ist das verb ēvacuāre ‘entleeren’ gebildet. von der selben grundlage haben wir im deutschen noch das vakuum ‘luftleerer raum’. evakuieren heisst also ursprünglich ‘leer machen, entleeren’. vor diesem hintergrund ergeben die formulierungen häuser evakuieren und schiffe evakuieren natürlich unmittelbar sinn, personen evakuieren dagegen weniger. was mit personen evakuieren im wörtlichen sinn gemeint sein könnte, möchte ich lieber nicht so genau wissen – ich stelle mir vor, es hat etwas mit chirurgen und einem skalpel zu tun.

natürlich ist aber personen evakuieren nicht falsch – es entspricht heute gängigem sprachgebrauch. es ist jedoch in anbetracht der etymologie völlig klar, dass es sich gegenüber der formulierung häuser evakuieren und schiffe evakuieren um eine jüngere verwendungsweise handelt, die erst möglich wurde, nachdem das wort evakuieren in seiner ursprünglichen bedeutung nicht mehr richtig verstanden worden ist.

(ps: auf die entwicklung des wortes evakuieren bin ich vor einiger zeit bei der lektüre eines blogs oder buches aufmerksam geworden, kann mich aber derzeit nicht erinnern, wo es war. jedenfalls reklamiere ich die beobachtung zur erweiterten verwendungsweise von evakuieren nicht für mich.)

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