einführung von ECTS-punkten in den geisteswissenschaften – ein gegenentwurf

opinion,Uni,VGS — 17. Jun 2015

über die bologna-reform kann man geteilter meinung sein – sicherlich hat das neue system sowohl vor- als auch nachteile. in einem bereich scheint mir aber nicht bestreitbar zu sein, dass das neue system einen rückschritt darstellt, nämlich im bereich der studienordnungen, besonders der art und weise, wie das ECTS-punkte-system umgesetzt wurde. hier ist es zu einer enormen aufblähung des systems gekommen, die studienordnungen sind heute sehr kompliziert und unflexibel – und zwar nicht bloss deshalb, weil wir uns wegen der verschiedenen kinderkrankheiten des systems aktuell in einer phase der “dauerreform” befinden und es diverse übergangsregelungen braucht, sondern weil das system in konzeptueller hinsicht zu kompliziert ausgefallen ist. ich erwähne nur dies: die BA/MA-studienordnung des deutschen seminars ist heute 88 Seiten lang, die gesamtausgabe der studienordnung an der philosophischen fakultät der UZH (gültig bis 2010) umfasst unglaubliche 727 seiten! (zum vergleich: die studienordnung meines liz-studienganges, in den ich mich 2001 einschrieb, umfasste 3 seiten; für andere fächer wird es damals ähnlich gewesen sein).

meines erachtens wurden bei der bologna-reform von anfang an gewisse weichen falsch gestellt. und zwar kam das von ganz oben. so wurde an der universität zürich bereits in der richtlinie zur umsetzung der bolognareform des universitätsrates im jahr 2004 gesamtuniversitär vorgeschrieben, dass die studiengänge in module zu gliedern seien und dass die vergabe von ECTS-punkten an die module geknüpft sei – aus meiner sicht beides schlechte entscheide mit schwerwiegenden folgen.

das konzept der module hat man unbedarft aus den naturwissenschafen übernommen. dabei wurde nicht berücksichtigt, dass das geisteswissenschaftliche studium grundsätzlich anders organisiert ist als das naturwissenschaftliche. in den naturwissenschaften sind die stundenpläne grösstenteils vorgegeben, d.h. alle studierenden der studienrichtung X belegen im semester 3 die veranstaltungen B, C und D; es gibt kaum wahlmöglichkeiten. es macht dann sinn, dass man inhaltlich zusammengehörige veranstaltungen in modulen zusammenfasst und gemeinsam abprüft. das geisteswissenschaftliche studium ist demgegenüber davon geprägt, dass studierende ganz individuelle stundenpläne zusammenstellen. jeder hat andere fächerkombinationen, andere schwerpunkte. zudem arbeiten viele teilzeit und müssen sich gewisse wochentage/tageszeiten freihalten. das alles erfordert eine hohe flexibilität. das konzept der module hat hier keinen platz und macht die dinge bloss unnötig kompliziert.

im sinne eines kleinen gedankenexperiments hier also mein gegenentwurf zum aktuell gültigen ECTS-system an der uni zürich.

in meinem system gibt es keine module. ECTS punkte werden grundsätzlich für lehrveranstaltungen vergeben. ECTS punkte können zusätzlich in gewissen fällen für “veranstaltungslose” leistungen angerechnet werden, z.b. für abschlussprüfungen, abschlussarbeiten oder für akzessprüfungen (prüfung von inhalten aus selbstständiger lektüre). gebucht werden immer und ausschliesslich lehrveranstaltungen. für andere leistungen wendet man sich an die zuständigen dozenten und diese kümmern sich um die anrechnung. das macht sinn, weil abschlussarbeiten und -prüfungen sowieso immer mit einer besprechung beim betreuenden dozenten beginnen. jede lehrveranstaltung ist einzeln wiederholbar (das ist im aktuellen system nicht gegeben und führt zu verschiedenen problemen).

es gibt studiengänge, z.b. germanistik oder skandinavistik. bei jeder lehrveranstaltung wird einzeln festgelegt, für welche studiengänge sie angerechnet werden kann. pro lehrveranstaltung können das ein oder mehrere studiengänge sein. so kann eine veranstaltung z.b. für “GERM” (nur germanistik), “GERM, SKAND” (germanistik und skandinavistik), eine dritte für “GERM, SKAND, VGS” (germanistik, skandinavistik, vergleichende germanische sprachwissenschaft) angerechnet werden. dies erlaubt sehr leichtes cross-listing, was den kleinen und interdisziplinären studiengängen zugute kommt. ein studiengang 180 punkte bachelor in VGS besteht dann zum beispiel aus: 160 punkte VGS-lehrveranstaltungen, 10 punkte studium generale und 10 punkte für die abschlussprüfungen.

bei der buchung der lehrveranstaltungen gibt es abhängigkeiten. so kann etwa “hieroglyphenluwisch 2” erst gebucht werden, nachdem “hieroglyphenluwisch 1” besucht wurde. diese vorbedingungen werden von den dozierenden festgelegt, wenn sie eine lehrveranstaltung eingeben: für ein seminar in der germanistik können etwa die vorbedingungen gewählt werden, dass der synchrone grundkurs sowie der phonetik-kurs bereits absolviert sein müssen. auch allgemeine bedingungen können auf diese weise festgelegt werden, etwa “nur MA” bei seminaren. abgesehen von diesen beschränkungen können aus dem angebot zum eigenen studiengang beliebige veranstaltungen – und in beliebiger reihenfolge – gebucht werden.

der studienabschluss wird folgendermassen gehandhabt. für den abschluss ist es zunächst einmal nötig, die erforderliche punktezahl erreicht zu haben. zusätzlich können weitere abschlussbedingungen festgelegt werden. solche abschlussbedingungen können beispielsweise sein: die bedingung, …
… dass gewisse pflichtveranstaltungen besucht worden sind,
… dass mindestens 3 seminare mit seminararbeit belegt,
… oder dass diese bei mindestens zwei verschiedenen dozenten absolviert worden sind.

sowohl die abhängigkeiten als auch die abschlussbedingungen werden im buchungstool als restriktionen einprogrammiert, so dass die studis bei der modulbuchung entsprechend “geleitet” werden und jederzeit sehen, welche veranstaltungen für sie buchbar sind, welche bedingungen sie schon erfüllt haben und was bis zum studienabschluss noch zu tun ist.

mit diesen wenigen eckpunkten ist meines erachtens schon alles gegeben, was man für die einführung von ECTS-punkten und für die entsprechenden studienordnungen benötigt. bestimmt ist das hier beschriebene system auch nicht ohne fehler. gut möglich, dass sich im praxistest noch einige komplikationen ergeben würden. ich wage aber zu behaupten, dass man mit diesem system, das dem alten liz-system nahe steht, eine flexiblere, logischere, und vor allem deutlich einfachere lösung gehabt hätte, als was wir jetzt haben.

wieso das herkömmliche buch noch nicht ausgedient hat

e-books sind in mode. kürzlich überraschte sogar der SNF mit der ankündigung, zukünftigt ausschliesslich digitale publikationen finanziell zu unterstützen. steht das ende des herkömmlichen buches bevor?

ich glaube nicht. das herkömmliche buch hat nämlich im praktischen gebrauch nach wie vor gewisse vorteile, woran man vielleicht auch den SNF einmal erinnern sollte. hier eine liste mit den aus meiner sicht bedeutenden vorteilen des herkömmlichen buches:

  1. das papierbuch ist dreidimensional, was die navigation erleichtert. es ist viel leichter, sich zu merken, was ungefähr wo im buch gestanden hat, da man sein räumliches vorstellungsvermögen dazu benutzen kann. die dreidimensionale struktur ermöglicht zudem dinge wie ein rasches durchblättern, das leichte überspringen eines kapitels, das vor- oder nachblättern ohne die aktuelle lesestelle aus den augen zu verlieren, einen unkomplizierten quervergleich von zwei entfernten seiten usw.; all das geht bei einem e-book nicht.
  2. das papierbuch hat eine markant bessere auflösung als die meisten e-book lesegeräte. hierzu folgender hinweis: die punktdichte (dpi bzw. ppi) eines durchschnittlichen laserdruckers beträgt 600-1200 dpi, diejenige eines computer-bildschirms bewegt sich dagegen typischerweise um die 90-120 ppi. aus diesem grund sehen gedruckte schriften in der regel sehr scharf aus; am bildschirm erscheint die schrift dagegen verwaschen und unscharf. wie jeder typograph bestätigen wird, ist eine punktdichte von 90-120 ppi viel zu wenig, um ein scharfes schriftbild zu erreichen. man greift daher softwareseitig zu tricks wie hinting, damit es am bildschirm nicht ganz so mies aussieht. wenn man jedoch am bildschirm ein ähnlich gutes schriftbild erreichen möchte wie beim gedruckten buch, müsste man die bildschirmauflösung massiv erhöhen – soweit ist die technik zur zeit noch nicht.
  3. das papierbuch hat keinerlei abhängigkeiten: man braucht nichts ausser dem buch, um den text lesen zu können. im gegensatz dazu hat das e-book diverse abhängigkeiten: es braucht ein (unter umständen teures) lesegerät (hardware). dieses braucht eine stromversorgung. es braucht software, die unter umständen kostenpflichtig ist. sowohl software als auch hardware brauchen maintenance (etwa, um updates einzuspielen). man braucht zudem auf die eine oder andere weise zugriff zum internet, um neue e-books draufladen zu können. all dies kostet geld und zeit und ist zum teil mit weiteren nachteilen verbunden, z.b. mangelnde mobilität wegen abhängigkeit von strom (sein e-book kann man unter umständen auf dem campingplatz nicht lesen, wenn dort der strom fehlt). mit einem papierbuch braucht man sich über keinen dieser punkte gedanken zu machen.
  4. das papierbuch ist ausserdem weder von bestimmten dateiformaten noch von allfälliger DRM-software abhängig. beim e-book geht man das risiko von kompatibilitätsproblemen ein (wer weiss schon, ob zukünftige lesegeräte die heutigen e-book-dateiformate noch unterstützen?). zudem kommen die geräte häufig mit DRM-software, die den herstellern weitgehende rechte einräumen, z.b. die fernlöschung von dokumenten (siehe hier). keine dieser sorgen hat man mit einem papierbuch.
  5. mit papierbüchern hat man erfahrung mit der langzeitarchivierung. ob papierbücher oder e-books besser sind im hinblick auf die langzeitarchivierung lässt sich momentan nicht sagen, jedoch hat man mit den papierbüchern erfahrung (mehrere jahrhunderte), mit e-books dagegen nicht. (unschlagbar sind in dieser hinsicht natürlich pergamentbücher oder steininschriften…)
  6. papierbücher ermöglichen das unkomplizierte anbringen von notizen, unterstreichungen, buchzeichen usw. zwar mögen gewisse e-book-reader gewisse derartige funktionen unterstützen, doch klappt das nach meiner erfahrung kaum je wunschgemäss. einfache textnotizen mögen noch gehen, doch sobald es komplizierter wird (z.b. phonetische sonderzeichen, kleine skizzen, pfeile), stösst man an die grenzen. solche funktionen werden zudem meines wissens nur in bestimmten e-book-formaten angeboten, was wiederum zu potentiellen kompatibilitätsproblemen führt.

das papierbuch unterliegt natürlich in anderen bereichen, vor allem der mobilität (da e-books abgesehen vom lesegerät weder platz noch gewicht beanspruchen) sowie der suchmöglichkeiten (blitzschnelle volltextsuche). aufgrund der genannten punkte scheint mir jedoch klar, dass das e-book das herkömmliche buch noch nicht in näherer zukunft (wenn überhaupt je) ganz ablösen wird. persönlich ziehe ich für die lektüre längerer texte nach wie vor das papierbuch vor.

links
gute bücher benötigen zeit und papier (NZZ feuilleton)

gegen fussnoten

Diss,opinion,Uni — 22. Mar 2009

man scheint in der wissenschaft allgemein sehr begeistert zu sein vom konzept der fussnote. viele publikationen sind geradezu gespickt mit anmerkungen in fuss- oder endnoten. nach meinem eindruck nimmt die popularität von fussnoten in jüngerer zeit sogar noch zu, so dass man bei neueren monographien nicht selten eintausend oder mehr fussnoten findet. eine von mir kürzlich erworbene arbeit zu einigen skaldengedichten bringt es z.b. mit 331 seiten lauftext auf imposante 933 fussnoten, eine andere sprachwissenschaftliche untersuchung, die mir vorliegt, mit 352 seiten sogar auf 1257 fussnoten.


leichtes missverhältnis zwischen text und fussnoten?

bei so viel fussnotenbegeisterung halte ich die zeit für gekommen, auch einmal auf die nachteile von fussnoten hinzuweisen.

als problem nehme ich insbesondere den gestörten lesefluss wahr. ein fussnotenreicher text zwingt nämlich den leser, fortlaufend mit den augen hin- und herzuspringen, und verunmöglicht so eine geradlinige lektüre. da man beim antreffen der fussnote nicht a priori wissen kann, was sich dahinter verbirgt (nur eine literaturangabe? oder eine wichtige anmerkung?), hat man gar keine wahl, als alle fussnoten anzuschauen. will man den text gründlich lesen, kommt man faktisch nicht darum herum, jeder fussnote nachzugehen. dies führt u.u. zu einem sehr komplizierten, unintuitiven lesefluss. man vergleiche etwa die folgende seite, auf der ich alle nötigen sprünge markiert habe (sprünge vom text in die fussnote rot, sprünge zurück in den text blau):


das lesen dieser aufsatzseite zwingt das auge des lesers zu zahlreichen sprüngen – ob die leicht hypnotisierende nebenwirkung beabsichtigt ist?

man beachte ferner, dass die letzte fussnote nicht auf der gleichen seite endet, sondern auf der nächsten weitergeht, so dass man zusätzlich noch zweimal umblättern muss.

als besondere schwierigkeit erweist sich bei einem solchen lesefluss das zurückspringen in den text, weil man – im gegensatz zum sprung zur fussnote, wo man sich an die numerische sortierung der fussnotenindizes halten kann – keine hilfe hat, um vom fussnotenende wieder an die richtige stelle im text zurückzufinden. oft kommt es sogar so heraus:


irrwege eines fussnotenlesers

die chance ist wohl ziemlich gross, dass man beim zurückkehren an die richtige stelle nicht mehr weiss, wie der satz ursprünglich angefangen hat.

neben den “navigationsproblemen” gibt es auch noch eine weitere problematik rund um das thema fussnoten. es scheint mir nämlich oft der fall zu sein, dass übermässige fussnoten auf eine mangelhafte gliederung des textes hinweisen. oft passiert es einem ja, dass man zu einem früher verfassten abschnitt neue einfälle hat. diese machen in der regel eine umarbeitung des gesamten abschnittes nötig, und man ist daher schnell dazu verleitet, etwas “faul” zu sein und den neuen gedanken lediglich in einer fussnote hinzuzufügen. dies führt notwendigerweise zu einer schlechten textstruktur.

aufgrund der genannten probleme stellt sich die frage, ob man nicht besser fahren würde, fussnoten nach möglichkeit zu vermeiden. könnte man die anmerkungen nicht auch in den text integrieren? platziert man die literaturverweise nicht besser in klammern an die stellen im satz, wo sie auch hingehören? ist dem leser nicht viel geholfen, wenn er die seite einigermassen intuitiv von links oben nach rechts unten lesen kann?

in diese richtung zielt auch die empfehlung des bekannten The Not So Short Introduction to LaTeX2e (s. 35, notabene in der fussnote!):

“Note that footnotes distract the reader from the main body of your document. After all, everybody reads the footnotes — we are a curious species, so why not just integrate everything you want to say into the body of the document?”

dem kann ich nur beipflichten. m.e. ist es richtig und wichtig, fussnoten sparsam einzusetzen. nach meiner erfahrung kann man dem leser nämlich eine menge anmerkungen und verweise inline (d.h. im lauftext, mit oder ohne klammern) zumuten, ohne dass der text dadurch unlesbar wird. was nämlich inline notiert wird, lässt sich trotzdem leicht überspringen, und der normale lesefluss bleibt intakt.

dass es sogar ganz ohne fussnoten geht, kann folgendes beispiel zeigen. es handelt sich um eine doppelseite aus einer dissertationsschrift, die auf 232 seiten nicht eine einzige fussnote enthält:

wie man sieht, sind die literaturverweise, quellenangaben etc. in den lauftext aufgenommen worden. anmerkungen fehlen fast ganz und sind, wo doch vorhanden, durch einrückung gekennzeichnet und ebenfalls in den normalen lesefluss eingegliedert. der text büsst dadurch nicht an qualität ein und ist leicht zu lesen.

p.s.: im meisten hier gesagten folge ich einem blogpost (?), den ich vor längerer zeit irgendwo im internet gelesen habe, und nun leider nicht mehr finde. falls jemand weiss, wovon ich spreche, bitte ich um eine benachrichtigung, so dass ich den beitrag ordentlich zitieren kann.

against redundancy in academic papers

opinion,Uni — 9. Sep 2008

it is by many considered good practice to write academic papers with a threefold structure, consisting of an introduction, a main part, and a conclusion. in addition, you are often expected to include an abstract with a summary of the content at the beginning of the paper.

i think that this structure is in fact often a bad idea, because it leads to a lot of redundancy. the result is a paper like this:

Abstract: In this paper it will be shown that chicken lay eggs.
Introduction: We are going to show that chicken lay eggs.
Main part: Chicken lay eggs.
Conclusion: We have shown that chicken lay eggs.

come on, i’m not stupid, there’s no need to tell me the same thing four (!) times. if you don’t have anything to say in the introduction or the conclusion, then skip it, but don’t just repeat what you have said elsewhere pro forma, sometimes even reusing the exact same wording multiple times! i don’t want to read that, and the author(s) probably don’t want to write it, so why not just concentrate on the relevant parts? looking at the “paper” above, isn’t in fact everything relevant included in the main part?