wieso das herkömmliche buch noch nicht ausgedient hat

e-books sind in mode. kürzlich überraschte sogar der SNF mit der ankündigung, zukünftigt ausschliesslich digitale publikationen finanziell zu unterstützen. steht das ende des herkömmlichen buches bevor?

ich glaube nicht. das herkömmliche buch hat nämlich im praktischen gebrauch nach wie vor gewisse vorteile, woran man vielleicht auch den SNF einmal erinnern sollte. hier eine liste mit den aus meiner sicht bedeutenden vorteilen des herkömmlichen buches:

  1. das papierbuch ist dreidimensional, was die navigation erleichtert. es ist viel leichter, sich zu merken, was ungefähr wo im buch gestanden hat, da man sein räumliches vorstellungsvermögen dazu benutzen kann. die dreidimensionale struktur ermöglicht zudem dinge wie ein rasches durchblättern, das leichte überspringen eines kapitels, das vor- oder nachblättern ohne die aktuelle lesestelle aus den augen zu verlieren, einen unkomplizierten quervergleich von zwei entfernten seiten usw.; all das geht bei einem e-book nicht.
  2. das papierbuch hat eine markant bessere auflösung als die meisten e-book lesegeräte. hierzu folgender hinweis: die punktdichte (dpi bzw. ppi) eines durchschnittlichen laserdruckers beträgt 600-1200 dpi, diejenige eines computer-bildschirms bewegt sich dagegen typischerweise um die 90-120 ppi. aus diesem grund sehen gedruckte schriften in der regel sehr scharf aus; am bildschirm erscheint die schrift dagegen verwaschen und unscharf. wie jeder typograph bestätigen wird, ist eine punktdichte von 90-120 ppi viel zu wenig, um ein scharfes schriftbild zu erreichen. man greift daher softwareseitig zu tricks wie hinting, damit es am bildschirm nicht ganz so mies aussieht. wenn man jedoch am bildschirm ein ähnlich gutes schriftbild erreichen möchte wie beim gedruckten buch, müsste man die bildschirmauflösung massiv erhöhen – soweit ist die technik zur zeit noch nicht.
  3. das papierbuch hat keinerlei abhängigkeiten: man braucht nichts ausser dem buch, um den text lesen zu können. im gegensatz dazu hat das e-book diverse abhängigkeiten: es braucht ein (unter umständen teures) lesegerät (hardware). dieses braucht eine stromversorgung. es braucht software, die unter umständen kostenpflichtig ist. sowohl software als auch hardware brauchen maintenance (etwa, um updates einzuspielen). man braucht zudem auf die eine oder andere weise zugriff zum internet, um neue e-books draufladen zu können. all dies kostet geld und zeit und ist zum teil mit weiteren nachteilen verbunden, z.b. mangelnde mobilität wegen abhängigkeit von strom (sein e-book kann man unter umständen auf dem campingplatz nicht lesen, wenn dort der strom fehlt). mit einem papierbuch braucht man sich über keinen dieser punkte gedanken zu machen.
  4. das papierbuch ist ausserdem weder von bestimmten dateiformaten noch von allfälliger DRM-software abhängig. beim e-book geht man das risiko von kompatibilitätsproblemen ein (wer weiss schon, ob zukünftige lesegeräte die heutigen e-book-dateiformate noch unterstützen?). zudem kommen die geräte häufig mit DRM-software, die den herstellern weitgehende rechte einräumen, z.b. die fernlöschung von dokumenten (siehe hier). keine dieser sorgen hat man mit einem papierbuch.
  5. mit papierbüchern hat man erfahrung mit der langzeitarchivierung. ob papierbücher oder e-books besser sind im hinblick auf die langzeitarchivierung lässt sich momentan nicht sagen, jedoch hat man mit den papierbüchern erfahrung (mehrere jahrhunderte), mit e-books dagegen nicht. (unschlagbar sind in dieser hinsicht natürlich pergamentbücher oder steininschriften…)
  6. papierbücher ermöglichen das unkomplizierte anbringen von notizen, unterstreichungen, buchzeichen usw. zwar mögen gewisse e-book-reader gewisse derartige funktionen unterstützen, doch klappt das nach meiner erfahrung kaum je wunschgemäss. einfache textnotizen mögen noch gehen, doch sobald es komplizierter wird (z.b. phonetische sonderzeichen, kleine skizzen, pfeile), stösst man an die grenzen. solche funktionen werden zudem meines wissens nur in bestimmten e-book-formaten angeboten, was wiederum zu potentiellen kompatibilitätsproblemen führt.

das papierbuch unterliegt natürlich in anderen bereichen, vor allem der mobilität (da e-books abgesehen vom lesegerät weder platz noch gewicht beanspruchen) sowie der suchmöglichkeiten (blitzschnelle volltextsuche). aufgrund der genannten punkte scheint mir jedoch klar, dass das e-book das herkömmliche buch noch nicht in näherer zukunft (wenn überhaupt je) ganz ablösen wird. persönlich ziehe ich für die lektüre längerer texte nach wie vor das papierbuch vor.

links
gute bücher benötigen zeit und papier (NZZ feuilleton)

rechts halbhohes u

ich bin vor kurzem auf eine buchstabenvariante des <u> aufmerksam geworden, die mir anhin noch nie begegnet war. es handelt sich um ein <u>, dessen rechte seite nur halbhoch ist. verwendet wurde es in älteren wissenschaftlichen publikationen zur schweizerdeutschen dialektologie, die bedeutung ist offenbar die eines (über-?)kurzen /u/-lautes.

ob dieses besondere zeichen überhaupt im unicode standard vorkommt war mir nicht klar, jedenfalls wüsste ich keine schriftart, die das zeichen enthält. mit fontforge liess sich das problem aber ohne grosse mühe lösen. das resultat sieht dann folgendermassen aus (schriftart ist linux libertine):

die variante der schriftart mit rechts halbhohem u stelle ich auf anfrage gerne zur verfügung. falls jemand mehr über diesen buchstaben und seine verwendungsweise weiss, bitte melden.