einführung von ECTS-punkten in den geisteswissenschaften – ein gegenentwurf

opinion,Uni,VGS — 17. Jun 2015

über die bologna-reform kann man geteilter meinung sein – sicherlich hat das neue system sowohl vor- als auch nachteile. in einem bereich scheint mir aber nicht bestreitbar zu sein, dass das neue system einen rückschritt darstellt, nämlich im bereich der studienordnungen, besonders der art und weise, wie das ECTS-punkte-system umgesetzt wurde. hier ist es zu einer enormen aufblähung des systems gekommen, die studienordnungen sind heute sehr kompliziert und unflexibel – und zwar nicht bloss deshalb, weil wir uns wegen der verschiedenen kinderkrankheiten des systems aktuell in einer phase der “dauerreform” befinden und es diverse übergangsregelungen braucht, sondern weil das system in konzeptueller hinsicht zu kompliziert ausgefallen ist. ich erwähne nur dies: die BA/MA-studienordnung des deutschen seminars ist heute 88 Seiten lang, die gesamtausgabe der studienordnung an der philosophischen fakultät der UZH (gültig bis 2010) umfasst unglaubliche 727 seiten! (zum vergleich: die studienordnung meines liz-studienganges, in den ich mich 2001 einschrieb, umfasste 3 seiten; für andere fächer wird es damals ähnlich gewesen sein).

meines erachtens wurden bei der bologna-reform von anfang an gewisse weichen falsch gestellt. und zwar kam das von ganz oben. so wurde an der universität zürich bereits in der richtlinie zur umsetzung der bolognareform des universitätsrates im jahr 2004 gesamtuniversitär vorgeschrieben, dass die studiengänge in module zu gliedern seien und dass die vergabe von ECTS-punkten an die module geknüpft sei – aus meiner sicht beides schlechte entscheide mit schwerwiegenden folgen.

das konzept der module hat man unbedarft aus den naturwissenschafen übernommen. dabei wurde nicht berücksichtigt, dass das geisteswissenschaftliche studium grundsätzlich anders organisiert ist als das naturwissenschaftliche. in den naturwissenschaften sind die stundenpläne grösstenteils vorgegeben, d.h. alle studierenden der studienrichtung X belegen im semester 3 die veranstaltungen B, C und D; es gibt kaum wahlmöglichkeiten. es macht dann sinn, dass man inhaltlich zusammengehörige veranstaltungen in modulen zusammenfasst und gemeinsam abprüft. das geisteswissenschaftliche studium ist demgegenüber davon geprägt, dass studierende ganz individuelle stundenpläne zusammenstellen. jeder hat andere fächerkombinationen, andere schwerpunkte. zudem arbeiten viele teilzeit und müssen sich gewisse wochentage/tageszeiten freihalten. das alles erfordert eine hohe flexibilität. das konzept der module hat hier keinen platz und macht die dinge bloss unnötig kompliziert.

im sinne eines kleinen gedankenexperiments hier also mein gegenentwurf zum aktuell gültigen ECTS-system an der uni zürich.

in meinem system gibt es keine module. ECTS punkte werden grundsätzlich für lehrveranstaltungen vergeben. ECTS punkte können zusätzlich in gewissen fällen für “veranstaltungslose” leistungen angerechnet werden, z.b. für abschlussprüfungen, abschlussarbeiten oder für akzessprüfungen (prüfung von inhalten aus selbstständiger lektüre). gebucht werden immer und ausschliesslich lehrveranstaltungen. für andere leistungen wendet man sich an die zuständigen dozenten und diese kümmern sich um die anrechnung. das macht sinn, weil abschlussarbeiten und -prüfungen sowieso immer mit einer besprechung beim betreuenden dozenten beginnen. jede lehrveranstaltung ist einzeln wiederholbar (das ist im aktuellen system nicht gegeben und führt zu verschiedenen problemen).

es gibt studiengänge, z.b. germanistik oder skandinavistik. bei jeder lehrveranstaltung wird einzeln festgelegt, für welche studiengänge sie angerechnet werden kann. pro lehrveranstaltung können das ein oder mehrere studiengänge sein. so kann eine veranstaltung z.b. für “GERM” (nur germanistik), “GERM, SKAND” (germanistik und skandinavistik), eine dritte für “GERM, SKAND, VGS” (germanistik, skandinavistik, vergleichende germanische sprachwissenschaft) angerechnet werden. dies erlaubt sehr leichtes cross-listing, was den kleinen und interdisziplinären studiengängen zugute kommt. ein studiengang 180 punkte bachelor in VGS besteht dann zum beispiel aus: 160 punkte VGS-lehrveranstaltungen, 10 punkte studium generale und 10 punkte für die abschlussprüfungen.

bei der buchung der lehrveranstaltungen gibt es abhängigkeiten. so kann etwa “hieroglyphenluwisch 2” erst gebucht werden, nachdem “hieroglyphenluwisch 1” besucht wurde. diese vorbedingungen werden von den dozierenden festgelegt, wenn sie eine lehrveranstaltung eingeben: für ein seminar in der germanistik können etwa die vorbedingungen gewählt werden, dass der synchrone grundkurs sowie der phonetik-kurs bereits absolviert sein müssen. auch allgemeine bedingungen können auf diese weise festgelegt werden, etwa “nur MA” bei seminaren. abgesehen von diesen beschränkungen können aus dem angebot zum eigenen studiengang beliebige veranstaltungen – und in beliebiger reihenfolge – gebucht werden.

der studienabschluss wird folgendermassen gehandhabt. für den abschluss ist es zunächst einmal nötig, die erforderliche punktezahl erreicht zu haben. zusätzlich können weitere abschlussbedingungen festgelegt werden. solche abschlussbedingungen können beispielsweise sein: die bedingung, …
… dass gewisse pflichtveranstaltungen besucht worden sind,
… dass mindestens 3 seminare mit seminararbeit belegt,
… oder dass diese bei mindestens zwei verschiedenen dozenten absolviert worden sind.

sowohl die abhängigkeiten als auch die abschlussbedingungen werden im buchungstool als restriktionen einprogrammiert, so dass die studis bei der modulbuchung entsprechend “geleitet” werden und jederzeit sehen, welche veranstaltungen für sie buchbar sind, welche bedingungen sie schon erfüllt haben und was bis zum studienabschluss noch zu tun ist.

mit diesen wenigen eckpunkten ist meines erachtens schon alles gegeben, was man für die einführung von ECTS-punkten und für die entsprechenden studienordnungen benötigt. bestimmt ist das hier beschriebene system auch nicht ohne fehler. gut möglich, dass sich im praxistest noch einige komplikationen ergeben würden. ich wage aber zu behaupten, dass man mit diesem system, das dem alten liz-system nahe steht, eine flexiblere, logischere, und vor allem deutlich einfachere lösung gehabt hätte, als was wir jetzt haben.

An electronic edition (in progress) of the Pólenstator-saga

philology,VGS — 23. Jun 2014

Together with some peers from the ‘Master Class’ of the Arnamagnæan Summer School in Manuscript Studies of 2012, i have been working on an electronic edition of a little-known post-reformation icelandic saga, sagan af pólenstator ok möndulþvara. An electronic edition of the saga according to one manuscript, ÍBR 41 8vo (19th ct.), is now available online, together with an introduction and some background information.

Note that this is still work in progress and far from perfect. I should also hasten to add that it is not a critical edition, as we decided to concentrate on a single manuscript. As regards the story, be warned that it is simplistic, overblown and overall rather ridiculous. Despite all that, we are still proud to present the first and so-far only available edition of sagan af pólenstator ok möndulþvara.

Dissertation nun online verfügbar

Wie angekündigt ist meine Dissertation nun online als PDF-Download verfügbar, zu finden im Document Repository der Uni Zürich. Als Lizenz habe ich die “Creative Commons: attribution-noncommercial-no derivative works 3.0” gewählt. Das Dokument darf also frei bezogen und verteilt, aber nicht verändert oder kommerziell genutzt werden.

Die Onlinefassung ist seitenidentisch mit der gedruckten und ist vollständig durchsuchbar (Volltextsuche).

Zur Erinnerung, das Werk ist auch weiterhin als Buch direkt beim Verlag bestellbar. Einige Hintergrundinformationen zu dieser doppelten Publikationsstrategie hier.

English:
As announced, my dissertation is now available online as a PDF download. It can be found in the document repository of the University of Zurich. I chose the “Creative Commons: attribution-noncommercial-no derivative works 3.0” license. This means that the document can be downloaded and shared freely, but cannot be changed or used commercially.

The online version is page-identical to the printed one and is fully searchable.

As a reminder, you can also order the dissertation as a book directly from the publisher. Some background information about this dual publication strategy can be found here.

Flexionsklassenübertritte

Diss,Open Access,VGS — 25. Aug 2013

Nach sechs jahren Arbeit bin ich sehr erfreut, verkünden zu können, dass meine Dissertation in gedruckter Fassung erschienen ist. Die bibliographischen Angaben lauten:

Thöny, Luzius (2013): Flexionsklassenübertritte. Zum morphologischen Wandel in der altgermanischen Substantivflexion. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 146. Innsbruck. 375 S.
ISBN: 978-3-85124-732-9


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Das Buch erscheint leider nicht in den Katalogen gängiger Versandbuchhändler, kann jedoch direkt beim Verlag bestellt werden.

Ich plane ferner, gemäss den Open-Access Richtlinien meiner Universität zusätzlich eine elektronische Version der Arbeit verfügbar zu machen. Die Freigabe wird ca. im März 2014 erfolgen.

Update: hier entlang zum Eintrag in ZORA, wo das Buch als Volltext im PDF-Format bezogen werden kann.

vgs-workshop “junge altgermanistik” 2014

Linguistik,Uni,VGS — 18. May 2013

vom 6.-7. februar 2014 führt die abteilung für vergleichende germanische sprachwissenschaft der universität zürich einen nachwuchs-workshop mit dem titel “junge altgermanistik” durch. es läuft eine ausschreibung.

sterne vorne und sterne hinten

Diss,Linguistik,Uni,VGS — 16. Apr 2013

in der sprachgeschichte gibt es die konvention, dass wörter durch das voranstellen eines sterns als rekonstrukte markiert werden. so wird beispielsweise das urgermanische wort für ‘erde’ als *erþō notiert, das urindogermanische wort für ‘schaf’ als *h₃euis. bis auf wenige ausnahmen wird diese konvention in der fachliteratur allgemein befolgt. daneben gibt es eine weniger verbreitete konvention, formen mit einem stern hinten zu versehen. dies soll anzeigen, dass es sich um ein wort handelt, das in der entsprechenden sprache zwar bezeugt ist, aber nicht in der zitierten form. dies ist besonders bei kleinkorpussprachen wie dem gotischen nützlich. da die gesamte überlieferung des gotischen im wesentlichen aus nur einem grösseren text, nämlich der bibelübersetzung, besteht, sind von vielen wörtern nur einzelne flexionsformen bezeugt. als beispiel sei das wort für ‘zahn’ genannt, das im dativ (tunþau) und akkusativ singular (tunþu) sowie im genetiv (tunþiwē) und akkusativ plural (tunþuns) bezeugt ist. der nominativ singular ist dagegen nicht bezeugt. aufgrund des vergleichs mit anderen u-stämmen können wir aber mit relativ hoher sicherheit sagen, dass die form auf -us ausgelautet haben muss. die notation als tunþus* erlaubt nun, explizit zu machen, dass dieses wort im gotischen zwar belegt ist, dass aber der nominativ als solcher ergänzt wurde. in fachpublikationen, in denen diese konvention nicht befolgt wird, wird der leser meist im unklaren gelassen, ob eine entsprechende form überhaupt bezeugt ist oder vom autor lediglich ergänzt wurde. so erscheint zum beispiel tunþus in vielen publikationen ohne stern, ohne dass der leser darüber informiert würde, dass diese form so gar nicht bezeugt ist.

die konvention mit dem stern hinten erscheint mir sinnvoll und ich habe sie deshalb für das gotische auch in meiner dissertation befolgt — leider aber nicht von anfang an, so dass ich gegen schluss der arbeit noch einmal einen langwierigen durchgang durch die arbeit machen musste und eine vielzahl an formen zu überprüfen hatte. dabei ist mir aufgefallen, dass diese an und für sich einfache konvention kniffliger handzuhaben ist als ich es zunächst gedacht hatte. es zeigte sich, dass nicht alle fälle, in denen man einen stern hinten setzen kann, gleich sind, und diese in der fachliteratur zum teil auch unterschiedlich behandelt werden. so setzt casaretto 2004 zum beispiel den stern hinten bei sämtlichen formen, die nicht als solche belegt sind. in der gotischen grammatik von braune/heidermanns wird dagegen etwas anders verfahren. wenn man sich die nominalparadigmen anschaut, sieht man, dass der stern hinten nur dort gesetzt wird, wo eine paradigmenform bei keinem wort des entsprechenden paradigmas belegt ist. als beispiel sei der akkusativ singular der kurzsilbigen ja-stämme genannt, wo die form in der grammatik als hari* angegeben wird. ein solcher akkusativ auf –i ist bei keinem der substantive, die nach diesem paradigma gehen, bezeugt. erschlossen wird er aufgrund des (nahe verwandten) paradigmas der langsilbigen ja-stämme: dort ist der akkusativ auf –i bezeugt. bei gasts ‘gast’ werden dagegen im paradigma keine formen mit stern markiert, obwohl einige davon nicht belegt sind. über die tatsächliche belegsituation wird man erst im begleittext informiert, der den paradigmen beigefügt ist. im text der grammatik kommt dann im gegensatz zu den paradigmen die gleiche notation wie in der oben genannten publikation von casaretto zur anwendung. etwas überrascht habe ich dabei festgestellt, dass die in der fachliteratur überaus häufig zitierte form gastē (gen. pl.) so gar nicht bezeugt ist… besser wäre es also, diese form als gastē* zu notieren.

wie aus dem gesagten hervorgeht, gibt es also einen unterschied zwischen gastē* und tunþus* auf der einen und hari* auf der anderen seite. erstere sind als etwas sicherer zu bewerten, da sie bei anderen substantiven des gleichen paradigmas bezeugt sind. wenn man es ganz genau nehmen würde, müsste man eigentlich erwägen, diesen unterschied ebenfalls in der notationsweise zu berücksichtigen.

ein weiterer zweifelsfall liegt dort vor, wo zwei formen im paradigma gleich lauten, aber nur die eine belegt ist. so gibt es zum beispiel den fall, dass nominativ und akkusativ in einem paradigma gleich lauten, aber nur der akkusativ belegt ist. dies ist etwa beim -stamm got. spilda ‘tafel’ der fall. darf man nun den nominativ als spilda ohne stern notieren? zwar ist die form ja belegt, aber nicht in der funktion als nominativ, und es bleibt eine (wenn auch sehr geringe) unsicherheit, ob der nominativ wirklich so gelautet hat.

insgesamt scheint mir die notation wie bei casaretto 2004 und im text der gotischen grammatik am sinnvollsten zu sein. man kann sich dann nämlich an die faustregel halten, dass sämtliche wortformen, die nicht in dieser form bezeugt sind, mit einem stern markiert werden: die rekonstruierten vorne, die ergänzten hinten. dies schliesst auch den zuletzt genannten fall ein: wenn der akkusativ gleich lautet wie der nominativ, darf auch der nominativ ohne stern wiedergegeben werden, da die form als solche bezeugt ist, wenn auch nicht im exakt gleichen syntaktischen zusammenhang.

literatur

  • casaretto, antje (2004): nominale wortbildung der gotischen sprache. die derivation der substantive. heidelberg.
  • braune, wilhelm / heidermanns, frank (2004): gotische grammatik. 20. auflage. tübingen.

das englische als skandinavische sprache?

Linguistik,Uni,VGS — 2. Dec 2012

zur zeit macht eine meldung die runde, wonach das englische angeblich nicht wie bisher gedacht eine westgermanische, sondern eine skandinavische (nordgermanische) sprache sein soll. die quelle, soweit ich sie zurückverfolgen konnte, ist dieser beitrag im research magazine der uni oslo. dahinter stehen der norwegische professor faarlund und sein kollege emmonds, die es zu meinem erstaunen mit dieser gewagten these sogar bis in die nzz am sonntag (ausgabe vom 2. dez., s. 69) geschafft haben.

die these lautet in einer kürzestzusammenfassung folgendermassen: das heutige englische ist nicht ein fortsetzer des altenglischen, das angeblich ausgestorben sein soll, sondern es ist die sprache der damals in teilen englands ansässigen skandinavier, umgeformt durch vielfältige einflüsse der einheimischen, englischsprachigen bevölkerung.

manch einer wird sich nun fragen, ob da etwas dran ist. wird man an universitäten weltweit bald alle englischen institute den skandinavistischen abteilungen angliedern müssen? zur beruhigung nicht nur der universitären administrationen darf ich entwarnung geben: nein, an der these ist nichts dran.

zunächst ist einmal zu sagen, dass das englische weltweit zu den am besten erforschten sprachen gehört. schon generationen von forschern haben sich mit der entwicklung des englischen beschäftigt, und die menge an forschungsliteratur füllt ganze bibliotheken. dass sich alle diese forscher in einem so grundsätzlichen punkt geirrt haben könnten, ist zwar nicht prinzipiell auszuschliessen, aber höchst unwahrscheinlich. wer also etwas anderes behauptet, braucht sehr gute, zwingende argumente. was faarlund und emmonds für ihre these ins feld führen, ist nun allerdings alles andere als zwingend (ich beziehe mich dabei auf den artikel im research magazine, da eine wissenschaftliche publikation so weit ich weiss bisher nicht erfolgt ist). aus dem magazin-artikel geht hervor, dass sich die argumentation auf zwei punkte abstützt, den wortschatz und die syntax. wieso beides nicht überzeugend ist, möchte ich im folgenden kurz ausführen.

unbestritten ist, dass die englische sprache in der zeit des danelaw durch die in england ansässigen skandinavier beeinflusst worden ist. davon zeugen in erster linie die recht zahlreichen skandinavischen lehnwörter im englischen. bekanntlich gehören auch wörter des grundwortschatzes wie das verb to take oder substantive wie skirt oder skin dazu. zudem gibt es vereinzelte einflüsse auf die grammatik, so stammt zum beispiel das pronomen they aus dem nordgermanischen. das ein pronomen entlehnt wird, ist tatsächlich eher ungewöhnlich und zeugt von einem vertieften kontakt.

nun ist es allerdings so, dass man in der sprachhistorischen forschung für fragen der genetischen verwandtschaft von sprachen den wortschatz ausser acht zu lassen pflegt. der grund dafür ist einfach: entlehnungen von wörtern sind äusserst häufig und können den wortschatz einer sprache in relativer kurzer zeit so stark transformieren, dass die genetische herkunft unter umständen nicht mehr deutlich zu erkennen ist. der wortschatz kann daher kulturkontakt aufzeigen, taugt aber nicht zur beurteilung der genetischen verwandtschaft. das beste beispiel dafür liefert ironischerweise das englische: ein grossteil des englischen wortschatzes ist lateinischer oder romanischer herkunft – das macht das englische aber noch lange nicht zu einer romanischen sprache.

aus diesem grund werden in der forschung für die frage nach der einordnung einer sprache in ihren stammbaum mit gutem grund die grammatischen komponenten höher gewichtet. am grammatischen system ist denn auch heute noch leicht zu erkennen, dass das englische in die germanische sprachfamilie gehört: formenbildung und satzbau beweisen zweifellos die zugehörigkeit zum germanischen. daher tun faarlund und emmonds sicher gut daran, die syntax zu beachten. dies ist nur schon deswegen verdienstvoll, weil die syntax in der traditionellen sprachgeschichtsforschung oft vernachlässigt worden ist. die angeführten beispiele sind allerdings kaum geeignet, um die skandinavische herkunft des englischen aufzuzeigen.

sicherlich gibt es übereinstimmungen. man vergleiche zum beispiel den satztyp mit einer präposition in satzschliessender position:

Engl. This we have talked about.
No. Dette har vi snakka om.

dies ist in der tat ein unterschied zu den anderen westgermanischen sprachen: im deutschen zum beispiel ist dieser satzbau nicht möglich. es ist aber keineswegs so, dass diese situation nur eine interpretation zulassen würde. so scheint es mir durchaus möglich, dass es sich um einen lehneinfluss handeln könnte. denkbar wäre auch, dass es sich bei den syntaktischen übereinstimmungen in einzelnen fällen um gemeinsames erbe handelt. dies würde insofern nicht erstaunen, als es auch in der formenbildung einige übereinstimmungen zwischen dem englischen und dem skandinavischen gibt (vgl. dazu zum beispiel die arbeit von h.f. nielsen 1985). dies bedeutet also nichts neues und würde lediglich die bereits bekannte tatsache bestätigen, dass das englische von den westgermanischen sprachen diejenige ist, die am meisten gemeinsamkeiten mit dem nordgermanischen aufweist. der schluss, dass das englische deshalb insgesamt als skandinavische sprache zu gelten habe, ergibt sich daraus ganz sicher nicht.

ausgeblendet wird ferner die möglichkeit, dass die syntaktischen strukturen unabhängig voneinander entstanden sind. im deutschen ist zum beispiel die sehr ähnliche konstruktion er schliesst die türe auf möglich. nun ist auf hier auf das verb bezogen (aufschliessen), aber historisch gesehen handelt es sich natürlich um das gleiche wort wie in der präpositionalphrase auf dem tisch. der oben genannte satztyp mit satzschliessender präposition könnte sich leicht aus diesem typ entwickelt haben. solange also zwingende beweise fehlen, taugen diese übereinstimmungen nicht zum beweis der skandinavischen herkunft des englischen.

völlig unberücksichtigt geblieben sind im rahmen der hier diskutierten these ferner die lautlehre und die formenbildung – jedenfalls ist davon im artikel nichts zu finden. das ist ein schwachpunkt der these, denn sowohl die lautlehre wie auch die formenlehre des modernen englischen sind ohne weiteres als direkte fortsetzer des altenglischen verständlich und unterstützen die these vom ausgestorbenen altenglischen und der skandinavischen herkunft des modernen englischen in keiner weise. auch der grösste teil des wortschatzes, wenn man ihn denn berücksichtigen will, setzt natürlich einheimisches wortgut fort; nur ein bruchteil stammt aus dem skandinavischen. an diesem gesamtbild ändert auch ein vereinzelter lehneinfluss wie die aufnahme des nordgermanischen personalpronomens they nichts. zum vergleich: alle anderen personalpronomen des englischen (I, you, he, she [1], it, we) stellen direkte fortsetzer der entsprechenden altenglischen pronomina dar; von anderen typisch skandinavischen personalpronomen wie norwegisch han ‘er’, hun ‘sie’ fehlt im englischen jede spur.

literatur
nielsen, hans frede (1985). old english and the continental germanic languages. innsbruck. 2. auflage.

anmerkungen
[1] der fall von engl. she ist etwas kompliziert, aber jedenfalls ist es sicher nicht skandinavischer herkunft.

schwedische nachnamen auf -én, -ér usw.

im schwedischen gibt es einen verbreiteten zweisilbigen namenstyp auf -én, -ér usw. einen derartigen namen trug etwa der bekannte lyriker und bischof esaias tegnér. den sprachhistorikern sind sicherlich die herren elias wessén und adolf noreen bekannt. auch der nachname von alfred nobel (ebenfalls auf der zweiten silbe zu betonen), stifter der nobel-preise, ist hier einzureihen.

diese namen sind insofern auffällig, als sie nicht zu den in skandinavien sehr stark verbreiteten patronymika (typ johansson, andersson, nilsson usw.) gehören und sich ausserdem durch die betonung auf der zweiten silbe (zum teil orthographisch mit akut markiert) als “ungermanisch” zu erkennen geben. es muss daher mit sicherheit einfluss einer fremdsprache vorliegen.

einige ausführungen zur entstehung dieses namenstyps sind nachzulesen bei modéer 1964: 123-5 (passenderweise hat er selber einen namen auf -éer!). bei der genannten fremdsprache handelt es sich um das lateinische, die namen sind offenbar lateinische suffixableitungen zu schwedischen ortsnamen. man hat also zunächst zum ortsnamen nor eine herkunftsbezeichnung norenius gebildet (‘der aus nor stammende’), zum ortsnamen nöbbelöv die herkunftsbezeichnung nobelius (‘der aus nöbbelöv stammende’) usw. zur anwendung kamen gemäss modéer die lateinischen suffixe -elius, -enius, -erus und -onius. diese namen verloren dann im verlauf des 18. jahrhunderts (womöglich unter dem einfluss des französischen, das damals in mode war) ihre lateinischen endungen; es resultierten noreen, nobel usw. die endungsbetonung im schwedischen geht somit letzten endes auf die lateinische pänultimaregel zurück.

ein weiterer bekannter schwede mit einem solchen namen ist übrigens carl von linné, lat. linnaeus (basierend wohl auf schwed. lind ‘linde’).

literatur
modéer, ivar: svenska personnamn. lund 1964.

auflagen und nachdrucke

Linguistik,Uni,VGS — 28. Sep 2011

bei büchern, die in mehreren auflagen erschienen sind, ist gemäss den üblichen akademischen richtlinien stets die neueste auflage zu zitieren. etwas unklarer ist die situation bei nachdrucken. hier habe ich schon alles gesehen: es wird das jahr der ursprünglichen publikation zitiert, es wird das jahr des nachdrucks zitiert, oder es werden beide jahreszahlen angegeben.

meistens wird empfohlen, von diesen das jahr der ursprünglichen publikation vorzuziehen, da der leser daraus sofort schliessen kann, auf welchem forschungsstand sich das werk befindet. zudem ist es etwas irritierend, einen literaturverweis wie “braune 2011” zu sehen, wenn man weiss dass w. braune bereits 1926 verstorben ist, und es sich bei “2011” nur um das jahr des nachdruckes handelt. das jahr des nachdrucks interessiert meistens auch nicht wirklich – in der regel gibt es keinen grund, warum jemand speziell am nachdruck interessiert sein sollte, und das aufstöbern des titels gelingt bei nachdrucken in der regel auch dann, wenn man nur die angaben der ursprünglichen publikation zur hand hat.

so weit die theorie. in der praxis sieht es allerdings nochmals anders aus…

eine schwierigkeit ist, dass man in manchen fällen nur schwer zwischen nachdruck und neuauflage unterscheiden kann. die nachdrucke sind in der regel “unveränderte nachdrucke”, aber eben nicht immer: zum teil gibt es auch solche nachdrucke, bei denen einige dinge korrigiert wurden. in diesem fall handelt es sich ja beim neudruck um eine “bessere” version, und man kann durchaus argumentieren, dass diese nun die massgebliche, zu zitierende fassung sei. man will ja nicht noch die fehler der letzten gültigen auflage zitieren, wenn bereits ein korrigierter druck erschienen ist, richtig?

ob es sich bei einem nachdruck um einen “unveränderten” handelt, ist in gewissen fällen nur schwer herauszubekommen. häufig findet man nur jahreszahlen beim copyright-vermerk, ohne dass ganz klar wäre, ob sich zwischen den drucken etwas geändert hat (“(c) 1976, 1985, 2001”).

umgekehrt trifft man immer wieder neuauflagen, wo man im impressum/vorwort erfährt, dass es sich in tat und wahrheit lediglich um einen nachdruck handelt. wieso ein solcher titel dann überhaupt als neuauflage deklariert wird, kann man sich zu recht fragen.

eine besondere knacknuss, mit der ich es vor kurzem zu tun hatte, ist das schwedische etymologische wörterbuch von elof hellquist. versionen davon sind mindestens in folgenden jahren erschienen: 1922, 1939, 1948, 1966, 1980. im druck von 1948 erfährt man im vorwort folgendes:

TREDJE UPPLAGAN
utgör ett oförändrat omtryck av andra upplagan. Vid denna omtryckning ha tryckfel rättats och smärre ändringar gjorts.
Lund i oktober 1948. C. W. K. Gleerups förlag

die dritte auflage ist also offenbar nichts anderes als ein “unveränderter neudruck” der zweiten auflage. gleichzeitig erfährt man aber, dass druckfehler verbessert und kleinere änderungen vorgenommen wurden – also doch kein “unveränderter neudruck”!

noch seltsamer wird es, wenn man den eintrag im vorwort des drucks von 1980 (meines wissens der neueste) vergleicht:

TREDJE UPPLAGAN
I denna fjärde tryckning har ett antal smärre tryckfel rättats.
Lund i januari 1980. LiberLäromedel Lund

(eigenartig ist übrigens, dass zwar die vorworte zur ersten und zweiten auflage mitabgedruckt sind, die notiz von 1948 aber entfernt wurde).

im jahr 1980 wurden also ebenfalls nur kleinere druckfehler verbessert, doch diesmal hat man entschieden, das ganze nicht als 4. auflage sondern “nur” als neudruck der 3. auflage zu deklarieren. damit verwischen natürlich die grenzen zwischen beidem vollends…

wenn man sich nun fragt, welche dieser versionen man zu zitieren hat, ergibt sich folgendes dilemma:

gemäss üblicher richtlinie hat man stets die neueste auflage zu zitieren, und das wäre in diesem fall die 3. auflage von 1948; will man die “korrekteste” fassung zitieren, dann muss man sich an die von 1980 halten (3. auflage, 4. druck von 1980, mit verbesserung von druckfehlern); sieht man sich jedoch dem prinzip verpflichtet, die jahreszahl anzugeben, die den forschungsstand anzeigt, müsste man noch die 2. auflage von 1939 zitieren, da sich die 3. auflage als “nachdruck” der 2. auflage ohne inhaltliche änderungen entpuppt hat…

wie man schwer auftreibbare bücher auftreibt

Uni,VGS — 1. Jul 2011

(die folgenden tipps beziehen sich auf den standort zürich.)

lokale ausleihe
startpunkt ist der IDS gesamtkatalog (altes interface). es gibt auch ein neues interface, das ich aber deutlich weniger bequem zu benutzen finde.

mit der IDS-suche findet man titel in bibliotheken der universität zürich, der ZB sowie der ETH (die ETH hat mehr geisteswissenschaftliche bücher als man meinen würde).

ACHTUNG: diese suche ist nicht flächendeckend:

– nicht erfasst sind titel in der ZB, die älter sind als 1989. auf diese muss man über den digitalen zettelkatalog zugreifen. die benutzung desselben ist nicht ganz intuitiv – man muss ihn auch online so benutzen, wie wenn man vor dem offline-katalog stehen würde, d.h. man muss sich überlegen, welches im papierkatalog das ordnungswort wäre und nach diesem suchen.

– nicht erfasst sind sämtliche bücher des indogermanischen seminars. diese muss man vor ort am institut einsehen.

fernleihe
wenn man in der lokalen ausleihe nicht fündig wird, weitet man das suchfeld aus. zunächst benutzt man wiederum die IDS-gesamtsuche, wo auch die kataloge der unis bern/basel, luzern und st. gallen eingebunden sind. wenn man dort fündig wird, kann man sich die titel für eine kleine gebühr per kurier in die ZB liefern lassen (und nachher dort wieder zurückgeben).

wenn das noch nicht reicht, kann man es mit einer gesamtschweizerischen bibliothekssuche versuchen. dafür gibt es seit einer weile swissbib.ch, wo man titel auch etwa in bibliotheken aus der romanischsprachigen schweiz findet. bestellen kann man diese titel über die ZB, wobei eine etwas höhere gebühr anfällt als beim IDS kurier. zum bestellen loggt man sich auf zb.uzh.ch in sein ZB-benutzerkonto ein. dort sieht man dann eine option “Fernleihe-ZBZ – neue Bestellung”.

findet man auch bei swissbib.ch nichts, kann man bei der ZB eine unspezifische fernleihe aufgeben, und zwar über das gerade erwähnte formular “Fernleihe-ZBZ”. die ZB sucht dann selber nach einer bibliothek, die den titel hat. bei einer bestellung aus dem ausland fallen zusätzliche gebühren an.

herunterladen
mittlerweile gibt es eine reihe von webseiten im internet, die bücher zum download bereitstellen. es handelt sich allerdings ganz überwiegend um titel, die so alt sind, dass ihr urheberrecht abgelaufen ist. dies betrifft grob gesagt titel die vor ca. 1920 erschienen sind (faustregel: todesjahr des autors plus 70 jahre). die besten adressen dafür sind archive.org und google books. letzten endes gehen die allermeisten bei archive.org erhältlichen titel auf google books zurück. erstaunlicherweise ist aber die abdeckung bei archive.org viel besser, da google books zu einem bestimmten zeitpunkt viele bücher, die eigentlich schon gemeinfrei sind und als solche zum download angeboten wurden, wieder vom netz genommen hat. diese sind in der regel bei archive.org noch zu finden. für den download als PDF muss man bei archive.org jeweils auf der trefferseite links “All Files: HTTP” anklicken, und dort die PDF datei bzw. – falls es mehrere gibt – diejenige mit _bw.PDF (= black and white scan). der direkte link zum download funktioniert meistens nicht. zudem gibt es bei archive.org einen recht netten webbasierten buchleser.

eine weitere gute adresse ist die openlibrary.org, wo immer mehr titel online abrufbar sind. die meisten verfügbaren titel stammen dort meines wissens von archive.org.

natürlich lohnt sich auch immer eine simple websuche, aber darauf muss ich wohl nicht extra hinweisen.

kaufen
falls all dies noch nicht zum gewünschten resultat geführt hat, bleibt noch die option “kaufen”. die besten chancen hat man bei antiquariatsverbünden, von denen ich mit zvab und abebooks die besten erfahrungen gemacht habe. für skandinavistische bedürfnisse empfehle ich antikvariat.net – dort findet man mit etwas glück auch altgermanistische raritäten. auch über die amazon-buchsuche (marketplace) findet man gelegentlich interessante angebote.

fachrelevante bücher sind überwiegend vergriffen. falls es sich um etwas ganz neues, etwas ganz altes oder einen “bestseller” handelt, gibt es aber doch eine chance, dass der titel über den normalen buchhandel erhältlich ist.

vorsicht geboten ist bei neudrucken von ganz alter forschungsliteratur. in jüngster zeit haben sich eine ganze reihe von print-on-demand verlagen etabliert, die alte titel mit abgelaufenem urheberrecht neu auflegen. aber caveat emptor!: es handelt sich häufig um veraltete editionen, deren “echtes” publikationsdatum/auflage bei der bestellung nicht ersichtlich ist. sie sind ausserdem meist sehr billig gemacht, mit fehlern auf der titelseite, mieser druckqualität (so dass der text teilweise fast nicht lesbar ist), schiefen seiten usw.. berüchtigte verlage dieser art sind nabu press, kissinger pub co, koch media, bibliobazaar, … löbliche ausnahme sind die reprints der cambridge university press, die z.b. den grundriss von brugmann in einer recht nett gemachten fassung neu aufgelegt haben.

ein spezialfall sind amerikanische dissertationen. diese sind in der regel im buchhandel nicht erhältlich, da sie nicht bei verlagen gedruckt werden. man kann sie aber hier zu nicht ganz billigen preisen bestellen.

eine gesonderte erwähnung verdienen die titel des verlags von peter lang. dort erscheinen immer wieder sprachwissenschaftliche titel, die ich aus irgendeinem grund im normalen buchhandel nicht finde. bestellungen sind aber direkt über die verlagshomepage möglich.

notfälle
in notfällen kann man sich immer in den zug nach konstanz setzen. die ub konstanz ist von zürich aus in 1h30min erreichbar und hat durchgehend offen (24/7).

falls jemand weitere heisse tipps hat, bin ich froh um entsprechende hinweise.

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