kindliche irrtümer

life,off-topic — 30. Jul 2013

von den vielen memes, die derzeit im internet die runde machen, und von denen einige übrigens auch linguistisch interessant sind (zum beispiel die syntax von i’ll show you how to penguin), gefällt mir ein typ besonders gut, nämlich der zu kindlichen irrtümern. diese memes kombinieren jeweils die überschrift “when i was a kid, i thought that… ” mit einem bild eines kindes, das die hand vor seine augen hält, und einem eingeständnis irgendeiner unsinnigen sache, an die man als kind geglaubt hat. so hat etwa jemand im kindesalter gedacht, dass spatzen die kinder von tauben seien, oder dass die runden bullaugen an schiffen als wasserabflüsse dienen, wenn das schiff sinkt. hier gesteht jemand ein, geglaubt zu haben, dass die kühltürme von nuklearanlagen wolkenfabriken seien. besonders gut finde ich das eingeständnis einer anonymen person, als kind geglaubt zu haben, dass die mädchen von ihren müttern geboren werden und die jungen von ihren vätern (kein link, finde es leider nicht mehr).

aus erwachsenenperspektive können wir über solch dumme ideen natürlich schmunzeln. doch so abwegig sind sie vielleicht gar nicht, wenn man bedenkt, dass wir alle einmal bei null mit lernen angefangen haben. schliesslich haben wir uns das ganze wissen, über das wir als erwachsene verfügen, schritt für schritt selber angeeignet. dies geschieht zu einem grossen teil durch beobachten, ausprobieren und, wie junge eltern bestätigen können, durch beständiges fragen. dass es dabei gelegentlich zu irrtümern kommt und wir uns zeitweilig in einer gedanklichen sackgasse verirren, aus der wir dann erst mal rückwärts wieder herausfinden müssen, ist nur zu erwarten.

was mir an diesen kindlichen irrtümern gefällt, ist die vorstellungskraft, die sich darin offenbart. es mag letztlich nur ein simples missverständnis zugrundliegen – gleichzeitig entsteht dadurch die vision einer alternativen welt, einer art hypothetischen parallelwelt, wie sie auch hättte sein können. es kann ganz anregend sein, einmal inne zu halten und sich zu fragen: wie sähe denn eine welt aus, in der die menschen wolkenfabriken bauen? oder eine welt, in der die jungen von ihren vätern zur welt gebracht werden? als kind hat man eben das privileg, so frei zu denken, dass man auch eine solche welt für möglich halten kann.

in diesem zusammenhang möchte ich noch eine geschichte erwähnen, die ich einmal irgendwo über einstein gelesen habe. sehr wahrscheinlich ist sie nicht wahr, aber das hat bekanntlich einer guten geschichte noch nie etwas geschadet ;) jedenfalls besagt die geschichte, dass einstein die idee mit der relativitätstheorie während einer zugreise gekommen sei, und zwar wegen einem mädchen, das im gleichen abteil sass. unterwegs habe ihn das mädchen gefragt, um welche zeit der nächste bahnhof an diesem zug halte. im kopf des mädchen stand also der zug still und die welt fuhr daran vorbei. so kann man es natürlich auch sehen, dachte sich einstein, und die relativitätstheorie war geboren. wahr oder nicht – die geschichte zeigt jedenfalls, wie erfrischend es sein kann, dass kinder die welt ganz unvorbelastet, d.h. ausserhalb der vorgespurten denkbahnen betrachten können.

vgs-workshop “junge altgermanistik” 2014

Linguistik,Uni,VGS — 18. May 2013

vom 6.-7. februar 2014 führt die abteilung für vergleichende germanische sprachwissenschaft der universität zürich einen nachwuchs-workshop mit dem titel “junge altgermanistik” durch. es läuft eine ausschreibung.

sterne vorne und sterne hinten

Diss,Linguistik,Uni,VGS — 16. Apr 2013

in der sprachgeschichte gibt es die konvention, dass wörter durch das voranstellen eines sterns als rekonstrukte markiert werden. so wird beispielsweise das urgermanische wort für ‘erde’ als *erþō notiert, das urindogermanische wort für ‘schaf’ als *h₃euis. bis auf wenige ausnahmen wird diese konvention in der fachliteratur allgemein befolgt. daneben gibt es eine weniger verbreitete konvention, formen mit einem stern hinten zu versehen. dies soll anzeigen, dass es sich um ein wort handelt, das in der entsprechenden sprache zwar bezeugt ist, aber nicht in der zitierten form. dies ist besonders bei kleinkorpussprachen wie dem gotischen nützlich. da die gesamte überlieferung des gotischen im wesentlichen aus nur einem grösseren text, nämlich der bibelübersetzung, besteht, sind von vielen wörtern nur einzelne flexionsformen bezeugt. als beispiel sei das wort für ‘zahn’ genannt, das im dativ (tunþau) und akkusativ singular (tunþu) sowie im genetiv (tunþiwē) und akkusativ plural (tunþuns) bezeugt ist. der nominativ singular ist dagegen nicht bezeugt. aufgrund des vergleichs mit anderen u-stämmen können wir aber mit relativ hoher sicherheit sagen, dass die form auf -us ausgelautet haben muss. die notation als tunþus* erlaubt nun, explizit zu machen, dass dieses wort im gotischen zwar belegt ist, dass aber der nominativ als solcher ergänzt wurde. in fachpublikationen, in denen diese konvention nicht befolgt wird, wird der leser meist im unklaren gelassen, ob eine entsprechende form überhaupt bezeugt ist oder vom autor lediglich ergänzt wurde. so erscheint zum beispiel tunþus in vielen publikationen ohne stern, ohne dass der leser darüber informiert würde, dass diese form so gar nicht bezeugt ist.

die konvention mit dem stern hinten erscheint mir sinnvoll und ich habe sie deshalb für das gotische auch in meiner dissertation befolgt — leider aber nicht von anfang an, so dass ich gegen schluss der arbeit noch einmal einen langwierigen durchgang durch die arbeit machen musste und eine vielzahl an formen zu überprüfen hatte. dabei ist mir aufgefallen, dass diese an und für sich einfache konvention kniffliger handzuhaben ist als ich es zunächst gedacht hatte. es zeigte sich, dass nicht alle fälle, in denen man einen stern hinten setzen kann, gleich sind, und diese in der fachliteratur zum teil auch unterschiedlich behandelt werden. so setzt casaretto 2004 zum beispiel den stern hinten bei sämtlichen formen, die nicht als solche belegt sind. in der gotischen grammatik von braune/heidermanns wird dagegen etwas anders verfahren. wenn man sich die nominalparadigmen anschaut, sieht man, dass der stern hinten nur dort gesetzt wird, wo eine paradigmenform bei keinem wort des entsprechenden paradigmas belegt ist. als beispiel sei der akkusativ singular der kurzsilbigen ja-stämme genannt, wo die form in der grammatik als hari* angegeben wird. ein solcher akkusativ auf –i ist bei keinem der substantive, die nach diesem paradigma gehen, bezeugt. erschlossen wird er aufgrund des (nahe verwandten) paradigmas der langsilbigen ja-stämme: dort ist der akkusativ auf –i bezeugt. bei gasts ‘gast’ werden dagegen im paradigma keine formen mit stern markiert, obwohl einige davon nicht belegt sind. über die tatsächliche belegsituation wird man erst im begleittext informiert, der den paradigmen beigefügt ist. im text der grammatik kommt dann im gegensatz zu den paradigmen die gleiche notation wie in der oben genannten publikation von casaretto zur anwendung. etwas überrascht habe ich dabei festgestellt, dass die in der fachliteratur überaus häufig zitierte form gastē (gen. pl.) so gar nicht bezeugt ist… besser wäre es also, diese form als gastē* zu notieren.

wie aus dem gesagten hervorgeht, gibt es also einen unterschied zwischen gastē* und tunþus* auf der einen und hari* auf der anderen seite. erstere sind als etwas sicherer zu bewerten, da sie bei anderen substantiven des gleichen paradigmas bezeugt sind. wenn man es ganz genau nehmen würde, müsste man eigentlich erwägen, diesen unterschied ebenfalls in der notationsweise zu berücksichtigen.

ein weiterer zweifelsfall liegt dort vor, wo zwei formen im paradigma gleich lauten, aber nur die eine belegt ist. so gibt es zum beispiel den fall, dass nominativ und akkusativ in einem paradigma gleich lauten, aber nur der akkusativ belegt ist. dies ist etwa beim -stamm got. spilda ‘tafel’ der fall. darf man nun den nominativ als spilda ohne stern notieren? zwar ist die form ja belegt, aber nicht in der funktion als nominativ, und es bleibt eine (wenn auch sehr geringe) unsicherheit, ob der nominativ wirklich so gelautet hat.

insgesamt scheint mir die notation wie bei casaretto 2004 und im text der gotischen grammatik am sinnvollsten zu sein. man kann sich dann nämlich an die faustregel halten, dass sämtliche wortformen, die nicht in dieser form bezeugt sind, mit einem stern markiert werden: die rekonstruierten vorne, die ergänzten hinten. dies schliesst auch den zuletzt genannten fall ein: wenn der akkusativ gleich lautet wie der nominativ, darf auch der nominativ ohne stern wiedergegeben werden, da die form als solche bezeugt ist, wenn auch nicht im exakt gleichen syntaktischen zusammenhang.

literatur

  • casaretto, antje (2004): nominale wortbildung der gotischen sprache. die derivation der substantive. heidelberg.
  • braune, wilhelm / heidermanns, frank (2004): gotische grammatik. 20. auflage. tübingen.

der fondue-effekt

Linguistik,Uni — 5. Apr 2013

forschung beginnt meist mit einer einfachen frage. warum ist etwas so und nicht anders? auf diese frage auch eine einfache antwort zu finden, gelingt jedoch kaum je. sobald man anfängt, sich genauer mit einer problemstellung auseinanderzusetzen, wird es kompliziert: die sache zieht fäden.

käsig...

aus: asterix bei den schweizern (goscinny/uderzo)

in der sprachhistorischen forschung ist die ausgangslage häufig die, dass man sich mit daten aus unterschiedlichen zeiten und/oder sprachen konfrontiert sieht, die nicht unmittelbar zusammenpassen. in der folge stellt man hypothesen über die entwicklungen auf, die erklären sollen, wie die vorliegenden daten auf einen nenner zu bringen sind. da man diese hypothesen meist nicht direkt beweisen oder widerlegen kann, versucht man sie durch vergleichsfälle aus anderen sprachen oder zeiten, wo die entwicklungen ähnlich verlaufen sind, zu stützen. nur selten gelingt es allerdings, einen idealen vergleichsfall zu finden. die vergleichsfälle entpuppen sich als ihrerseits erklärungsbedürftig und machen zusätzliche ausführungen nötig, werfen vielleicht sogar ganz neue fragen auf, die, genau genommen, vorgängig noch geklärt werden müssten.

wo man anfänglich vielleicht nur einen einzelnen grund für ein bestimmtes phänomen vermutet hat, stösst man auf eine vielzahl an faktoren, die mitberücksichtigt werden müssen. je tiefer man sich in die forschungsliteratur einliest, desto mehr neue spuren ergeben sich, die zu verfolgen notwendig erscheint. es kommen laufend neue gesichtspunkte dazu. man sieht sich gezwungen, den skopus der untersuchung auszuweiten, das manuskript wird immer länger, fussnote reiht sich an fussnote, die bibliographie schwillt an usw. so kommt man vom hundertsten ins tausendste, und wer nicht aufpasst, landet bei adam und eva – oder, um im bild zu bleiben, verheddert sich im käsig-klebrigen durcheinander. ein held, wer dann sein brötchen noch auf der gabel hat!

shoutouts für sprachlog und wortgeschichten

Linguistik — 8. Dec 2012

an dieser stelle zwei kurze hinweise auf blogs, die für sprachinteressierte von interesse sein könnten. erstens möchte ich auf den sprachlog hinweisen, ein neuer sammelblog, in dem unter anderem der frühere blog namens [ʃplɔk] von kristin aufgegangen ist. dort wurde diese woche unter anderem mit der millionen/billionen-konfusion aufgeräumt.

als zweites möchte ich auf die wortgeschichten verweisen; ein angebot, das von redaktoren des schweizerischen idiotikons (ja, es heisst wirklich so) betrieben wird. wer sich für die lexikologie des schweizerdeutschen interessiert, wird dort auf interessanten lesestoff stossen.

das englische als skandinavische sprache?

Linguistik,Uni,VGS — 2. Dec 2012

zur zeit macht eine meldung die runde, wonach das englische angeblich nicht wie bisher gedacht eine westgermanische, sondern eine skandinavische (nordgermanische) sprache sein soll. die quelle, soweit ich sie zurückverfolgen konnte, ist dieser beitrag im research magazine der uni oslo. dahinter stehen der norwegische professor faarlund und sein kollege emmonds, die es zu meinem erstaunen mit dieser gewagten these sogar bis in die nzz am sonntag (ausgabe vom 2. dez., s. 69) geschafft haben.

die these lautet in einer kürzestzusammenfassung folgendermassen: das heutige englische ist nicht ein fortsetzer des altenglischen, das angeblich ausgestorben sein soll, sondern es ist die sprache der damals in teilen englands ansässigen skandinavier, umgeformt durch vielfältige einflüsse der einheimischen, englischsprachigen bevölkerung.

manch einer wird sich nun fragen, ob da etwas dran ist. wird man an universitäten weltweit bald alle englischen institute den skandinavistischen abteilungen angliedern müssen? zur beruhigung nicht nur der universitären administrationen darf ich entwarnung geben: nein, an der these ist nichts dran.

zunächst ist einmal zu sagen, dass das englische weltweit zu den am besten erforschten sprachen gehört. schon generationen von forschern haben sich mit der entwicklung des englischen beschäftigt, und die menge an forschungsliteratur füllt ganze bibliotheken. dass sich alle diese forscher in einem so grundsätzlichen punkt geirrt haben könnten, ist zwar nicht prinzipiell auszuschliessen, aber höchst unwahrscheinlich. wer also etwas anderes behauptet, braucht sehr gute, zwingende argumente. was faarlund und emmonds für ihre these ins feld führen, ist nun allerdings alles andere als zwingend (ich beziehe mich dabei auf den artikel im research magazine, da eine wissenschaftliche publikation so weit ich weiss bisher nicht erfolgt ist). aus dem magazin-artikel geht hervor, dass sich die argumentation auf zwei punkte abstützt, den wortschatz und die syntax. wieso beides nicht überzeugend ist, möchte ich im folgenden kurz ausführen.

unbestritten ist, dass die englische sprache in der zeit des danelaw durch die in england ansässigen skandinavier beeinflusst worden ist. davon zeugen in erster linie die recht zahlreichen skandinavischen lehnwörter im englischen. bekanntlich gehören auch wörter des grundwortschatzes wie das verb to take oder substantive wie skirt oder skin dazu. zudem gibt es vereinzelte einflüsse auf die grammatik, so stammt zum beispiel das pronomen they aus dem nordgermanischen. das ein pronomen entlehnt wird, ist tatsächlich eher ungewöhnlich und zeugt von einem vertieften kontakt.

nun ist es allerdings so, dass man in der sprachhistorischen forschung für fragen der genetischen verwandtschaft von sprachen den wortschatz ausser acht zu lassen pflegt. der grund dafür ist einfach: entlehnungen von wörtern sind äusserst häufig und können den wortschatz einer sprache in relativer kurzer zeit so stark transformieren, dass die genetische herkunft unter umständen nicht mehr deutlich zu erkennen ist. der wortschatz kann daher kulturkontakt aufzeigen, taugt aber nicht zur beurteilung der genetischen verwandtschaft. das beste beispiel dafür liefert ironischerweise das englische: ein grossteil des englischen wortschatzes ist lateinischer oder romanischer herkunft – das macht das englische aber noch lange nicht zu einer romanischen sprache.

aus diesem grund werden in der forschung für die frage nach der einordnung einer sprache in ihren stammbaum mit gutem grund die grammatischen komponenten höher gewichtet. am grammatischen system ist denn auch heute noch leicht zu erkennen, dass das englische in die germanische sprachfamilie gehört: formenbildung und satzbau beweisen zweifellos die zugehörigkeit zum germanischen. daher tun faarlund und emmonds sicher gut daran, die syntax zu beachten. dies ist nur schon deswegen verdienstvoll, weil die syntax in der traditionellen sprachgeschichtsforschung oft vernachlässigt worden ist. die angeführten beispiele sind allerdings kaum geeignet, um die skandinavische herkunft des englischen aufzuzeigen.

sicherlich gibt es übereinstimmungen. man vergleiche zum beispiel den satztyp mit einer präposition in satzschliessender position:

Engl. This we have talked about.
No. Dette har vi snakka om.

dies ist in der tat ein unterschied zu den anderen westgermanischen sprachen: im deutschen zum beispiel ist dieser satzbau nicht möglich. es ist aber keineswegs so, dass diese situation nur eine interpretation zulassen würde. so scheint es mir durchaus möglich, dass es sich um einen lehneinfluss handeln könnte. denkbar wäre auch, dass es sich bei den syntaktischen übereinstimmungen in einzelnen fällen um gemeinsames erbe handelt. dies würde insofern nicht erstaunen, als es auch in der formenbildung einige übereinstimmungen zwischen dem englischen und dem skandinavischen gibt (vgl. dazu zum beispiel die arbeit von h.f. nielsen 1985). dies bedeutet also nichts neues und würde lediglich die bereits bekannte tatsache bestätigen, dass das englische von den westgermanischen sprachen diejenige ist, die am meisten gemeinsamkeiten mit dem nordgermanischen aufweist. der schluss, dass das englische deshalb insgesamt als skandinavische sprache zu gelten habe, ergibt sich daraus ganz sicher nicht.

ausgeblendet wird ferner die möglichkeit, dass die syntaktischen strukturen unabhängig voneinander entstanden sind. im deutschen ist zum beispiel die sehr ähnliche konstruktion er schliesst die türe auf möglich. nun ist auf hier auf das verb bezogen (aufschliessen), aber historisch gesehen handelt es sich natürlich um das gleiche wort wie in der präpositionalphrase auf dem tisch. der oben genannte satztyp mit satzschliessender präposition könnte sich leicht aus diesem typ entwickelt haben. solange also zwingende beweise fehlen, taugen diese übereinstimmungen nicht zum beweis der skandinavischen herkunft des englischen.

völlig unberücksichtigt geblieben sind im rahmen der hier diskutierten these ferner die lautlehre und die formenbildung – jedenfalls ist davon im artikel nichts zu finden. das ist ein schwachpunkt der these, denn sowohl die lautlehre wie auch die formenlehre des modernen englischen sind ohne weiteres als direkte fortsetzer des altenglischen verständlich und unterstützen die these vom ausgestorbenen altenglischen und der skandinavischen herkunft des modernen englischen in keiner weise. auch der grösste teil des wortschatzes, wenn man ihn denn berücksichtigen will, setzt natürlich einheimisches wortgut fort; nur ein bruchteil stammt aus dem skandinavischen. an diesem gesamtbild ändert auch ein vereinzelter lehneinfluss wie die aufnahme des nordgermanischen personalpronomens they nichts. zum vergleich: alle anderen personalpronomen des englischen (I, you, he, she [1], it, we) stellen direkte fortsetzer der entsprechenden altenglischen pronomina dar; von anderen typisch skandinavischen personalpronomen wie norwegisch han ‘er’, hun ‘sie’ fehlt im englischen jede spur.

literatur
nielsen, hans frede (1985). old english and the continental germanic languages. innsbruck. 2. auflage.

anmerkungen
[1] der fall von engl. she ist etwas kompliziert, aber jedenfalls ist es sicher nicht skandinavischer herkunft.

schwedische nachnamen auf -én, -ér usw.

im schwedischen gibt es einen verbreiteten zweisilbigen namenstyp auf -én, -ér usw. einen derartigen namen trug etwa der bekannte lyriker und bischof esaias tegnér. den sprachhistorikern sind sicherlich die herren elias wessén und adolf noreen bekannt. auch der nachname von alfred nobel (ebenfalls auf der zweiten silbe zu betonen), stifter der nobel-preise, ist hier einzureihen.

diese namen sind insofern auffällig, als sie nicht zu den in skandinavien sehr stark verbreiteten patronymika (typ johansson, andersson, nilsson usw.) gehören und sich ausserdem durch die betonung auf der zweiten silbe (zum teil orthographisch mit akut markiert) als “ungermanisch” zu erkennen geben. es muss daher mit sicherheit einfluss einer fremdsprache vorliegen.

einige ausführungen zur entstehung dieses namenstyps sind nachzulesen bei modéer 1964: 123-5 (passenderweise hat er selber einen namen auf -éer!). bei der genannten fremdsprache handelt es sich um das lateinische, die namen sind offenbar lateinische suffixableitungen zu schwedischen ortsnamen. man hat also zunächst zum ortsnamen nor eine herkunftsbezeichnung norenius gebildet (‘der aus nor stammende’), zum ortsnamen nöbbelöv die herkunftsbezeichnung nobelius (‘der aus nöbbelöv stammende’) usw. zur anwendung kamen gemäss modéer die lateinischen suffixe -elius, -enius, -erus und -onius. diese namen verloren dann im verlauf des 18. jahrhunderts (womöglich unter dem einfluss des französischen, das damals in mode war) ihre lateinischen endungen; es resultierten noreen, nobel usw. die endungsbetonung im schwedischen geht somit letzten endes auf die lateinische pänultimaregel zurück.

ein weiterer bekannter schwede mit einem solchen namen ist übrigens carl von linné, lat. linnaeus (basierend wohl auf schwed. lind ‘linde’).

literatur
modéer, ivar: svenska personnamn. lund 1964.

nochmals über einige dubiose verlage

copyright,Uni — 8. Aug 2012

ich möchte auf diesen artikel bei taz hinweisen, wo die dubiosen geschäftsmethoden des VDM verlags thematisiert werden. zur verlagsgruppe rund um VDM gehören auch alphascript und betascript publishing, vor denen ich schon in einem früheren beitrag gewarnt habe, sowie eine unmenge weiterer, wohl hauptsächlich zur kundenverwirrung kreierter “subverlage”.

auch viele auf den ersten blick seriös aussehende verlagsangebote gehören zu dieser VDM-gruppe, etwa der südwestdeutsche verlag für hochschulschriften. diese locken junge wissenschaftler mit einem kostenfreien druck ihrer dissertation und einem print-on-demand angebot. wie ein betroffener in den kommentaren zum taz artikel schreibt, drängen sie den autoren aber unvorteilhafte verträge auf, an denen praktisch nur der verlag verdient (der genannte autor gibt an, ihm würden ca. 1.5% des verkaufspreises zufliessen) und aus denen man sich offenbar, wenn man einmal unterschrieben hat, nicht mehr lösen kann.

besonders dreist finde ich, dass sie anscheinend gezielt studierende und doktoranden anschreiben, um deren seminar-, magister- usw. -arbeiten drucken zu können. es wird wahrscheinlich darauf spekuliert, dass sich kunden dann alleine aufgrund des titels zum kauf solcher bücher entschliessen, ohne zu wissen, was sie eigentlich bestellen.

aus den informationen des taz-artikels habe ich folgende blacklist mit verlagen/reihen zusammengestellt, von denen ich unter keinen umständen bestellen würde:

Verlag Dr. Müller, Alphascript und Betascript, Lambert Academic Publishing GmbH & Co. KG, Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften GmbH & Co. KG, Verlag Classic Edition, Saarbrückerverlag für Rechtswissenschaften, EUE Editions Universitaires Européennes, EAE Editorial Académica Española, PUA Publicaciones Universitarias Argentinas, Fromm Verlag, Dictus Publishing, Just Fiction Edition, Doyen Verlag.

vermutlich gehören noch mehr dazu.

ebd. und a.a.O.

Diss,gelesen,Uni — 3. Aug 2012

wenn man mehrmals hintereinander auf die gleiche publikation verweist, benutzt man die abkürzungen ebd. (= ebenda) oder a.a.O. (= am angegebenen Ort). bisher hatte ich immer gedacht, dass beide austauschbar wären, ebenso wie zum beispiel zwischen etc. und usw. kein inhaltlicher unterschied besteht.

nun habe ich allerdings gelesen, das dies nicht zutreffen soll – offenbar gibt es tatsächlich einen unterschied zwischen ebd. und a.a.O.: ebd. verweist auf die zuletzt genannte stelle (d.h. die genannte publikation an der genannten stelle), wohingegen a.a.O. nur auf die letztgenannte publikation verweist, ohne über die genaue stelle eine auskunft zu geben. dies bedeutet, dass man ebd. nie, a.a.O. dagegen stets mit einer seitenangabe kombinieren muss. beispiele:

hühner legen eier (müller 1890: 12). ausserdem gackern sie (ebd.).

vs.

hühner legen eier (müller 1890: 12). ausserdem gackern sie (a.a.O., s. 13).

nun, ich kann nicht aus meiner eigenen erfahrung bestätigen, dass dies tatsächlich die “korrekte” verwendungsweise ist, aber es leuchtet mir jedenfalls ein und ich werde ab jetzt die augen offen halten, ob diese regel in der fachliteratur wirklich so angewendet wird. mit sicherheit ist es jedenfalls nicht die alleinig gültige regel und man findet leicht auch noch weitere ansichten, wie diese zwei abkürzungen zu verwenden seien.

übrigens: wer sich fragt, wieso man überhaupt eine dieser zwei abkürzungen benutzen soll und nicht einfach die blosse seitenzahl schreibt (der leser könnte sich ja denken, dass jeweils die zuletzt genannte publikation gemeint ist)… das problem dabei ist, dass eine einfache seitenangabe häufig auch zum verweis innerhalb des eigenen textes gebraucht wird. wenn man also nur “vgl. s. 12” ohne weitere angabe schreibt, muss der leser erraten, ob s. 12 des vorliegenden textes oder aber der zuletzt genannten publikation gemeint ist. um diese zwei fälle auseinanderzuhalten, setzt man eben entweder ebd./a.a.O. oder (im anderen fall) so etwas wie “oben s. 12”/“unten s. 12”.

rechts halbhohes u

ich bin vor kurzem auf eine buchstabenvariante des <u> aufmerksam geworden, die mir anhin noch nie begegnet war. es handelt sich um ein <u>, dessen rechte seite nur halbhoch ist. verwendet wurde es in älteren wissenschaftlichen publikationen zur schweizerdeutschen dialektologie, die bedeutung ist offenbar die eines (über-?)kurzen /u/-lautes.

ob dieses besondere zeichen überhaupt im unicode standard vorkommt war mir nicht klar, jedenfalls wüsste ich keine schriftart, die das zeichen enthält. mit fontforge liess sich das problem aber ohne grosse mühe lösen. das resultat sieht dann folgendermassen aus (schriftart ist linux libertine):

die variante der schriftart mit rechts halbhohem u stelle ich auf anfrage gerne zur verfügung. falls jemand mehr über diesen buchstaben und seine verwendungsweise weiss, bitte melden.

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