orthographie und orthographie-reformen sind aus sprachwissenschaftlicher sicht eigentlich recht periphere themen. das hängt damit zusammen, dass die sprache in erster linie gesprochene sprache ist, und die geschriebene sprache der mündlichen form gegenüber eine untergeordnete (auch historisch gesehen sekundäre) stellung einnimmt. wer sich dennoch aus linguistischer sicht mit schriftlichkeit auseinandersetzt, wird sich primär für das schriftsystem interessieren (alphabetschrift, silbenschrift oder logographische schrift?). demgegenüber tritt die orthographie noch weiter in den hintergrund. sie betrifft lediglich die normierung dieser schriftsprache, d.h. eine gesellschaftliche konvention zur vereinheitlichung und damit erleichterung des schriftlichen austausches. dass dies wenig direkte linguistische relevanz hat, wird schon dadurch bewiesen, dass schriftliche kommunikation auch ohne reglementierte orthographie funktioniert (althochdeutsch, schweizerdeutsch).

dennoch haben diskussionen um die orthographie und um orthographie-reformen einen gewissen reiz. das interssante daran ist nämlich, welche emotionen das thema freizusetzen vermag ;) reformvorschläge wie die schreibung enuf für engl. enough lösen bei manchen leuten begeisterung, bei anderen aber regelrechte angstzustände aus… entsprechend oft hört und liest man im zusammenhang mit solchen reformvorschlägen kraftausdrücke wie “absoluter schwachsinn” o.ä. … offenbar liegt das thema den leuten (und zwar nicht nur denen, die professionell schreiben) sehr am herzen. die endlosen diskussionen zur rechtschreibereform im deutschsprachigen raum von 1996 und die nachfolgenden reformen der reform sprechen dafür bände. mindestens so heftig wurden die zahllosen reformvorschläge für die englische rechtschreibung diskutiert, von denen sich bis heute allerdings keine durchzusetzen vermochte.

ein besonderer zankapfel im deutschsprachigen raum bildet die schon sehr alte kontroverse um die grossschreibung von substantiven. dass wir heute substantive generell gross schreiben, ist keineswegs selbstverständlich – noch im 19. jahrhundert stand die grossschreibung auf der kippe, und in vielen publikationen aus dieser zeit werden substantive generell klein geschrieben. sowohl im norwegischen als auch im dänischen, die beide zeitenweise eine substantivgrossschreibung hatten, ist diese wieder abgeschafft worden. schon im vorletzten jahrhundert gab es renommierte stimmen, die sich gegen die grossschreibung im deutschen wehrten, wie z.b. jacob grimm, der “urgermanist”, der schrieb: “Im laufe des sechzehnten jahrhunderts führte sich, zuerst schwankend und unsicher, endlich entschieden, der mißbrauch ein, diese auszeichnung auf alle und jede substantiva zu erstrecken […]”1. ähnlich leidenschaftlich äussert sich renner 1948:15, der fragt: “Wann werden wir endlich unserer Rechtschreibung diesen lächerlichen Zopf abschneiden?” .

wenn man die emotionale komponente und allfällige rein ästhetische argumente einmal beiseite lässt, bleibt die frage, ob die substantivgrossschreibung einen konkreten nutzen hat. dies wird von leuten wie renner pauschal verneint, ist in tat und wahrheit aber gar nicht leicht zu beurteilen. messbar ist ein positiver oder negativer effekt auf die lesbarkeit wohl kaum, da eine geeignete methode fehlt. dennoch bin ich der meinung, dass sich auf einer argumentativen schiene ein positiver effekt auf die lesbarkeit glaubhaft machen lässt. dies versuche ich im folgenden zu zeigen.

da gross geschriebene substantive sofort als solche erkennbar sind und eine wortartenbestimmung entfällt, erleichert sich dadurch die syntaktische analyse. bereits aufgrund der anfangsbuchstaben drängt sich in vielen fällen eine satzanalyse auf, die wir in anderen sprachen erst aus dem inhalt eschliessen müssen. man vergleiche :

engl. T.. ch.. e.. t.. f..

vs.

nhd. D.. H.. e.. d.. B..

(für The chicken escaped the farmer bzw. Die Hühner entflohen dem Bauern). im deutschen beispiel wissen wir bereits aufgrund der grosschreibung mit ziemlicher sicherheit, dass entweder H.. das subjekt und B.. das objekt ist, oder umgekehrt. wenn man dazu noch vermutet, dass jeweils direkt vor den substantiven ein artikel steht, bleibt nur noch eine position für die verbalform übrig, womit bereits aufgrund der grossschreibung eine bestimmte syntaktische analyse wahrscheinlich gemacht werden kann. diese information fehlt im englischen völlig. der vorteil lässt sich auch an zweideutigen satzfragmenten im englischen veranschaulichen:

engl. […] the sound will […]

bedeutet entweder ‘der ton wird‘ oder ‘der feste wille’. hätte das englische die substantivgrossschreibung, träte das problem nicht auf: the Sound will vs. the sound Will.

um der argumentation willen können wir das prinzip auch noch etwas erweitern. beispielsweise könnte man auch adjektive und verben graphisch markieren, um die satzstruktur noch stärker hervorzuheben, etwa in dem man adjektive generell unterstrichen und verben fett drucken würde. es hiesse dann:

nhd. V.. H.. f.. v.. d.. b.. B..

für den satz Viele Hühner fliehen vor dem bösen Bauern. würde damit das lesen nicht deutlich erleichert?

fazit

bei der substantivgrossschreibung handelt es sich wie bei der normierten orthographie überhaupt um einen trade-off zwischen aufwand des schreibers und aufwand des lesers. der aufwand für den schreiber steigt mit zunehmender komplexität der orthographieregeln, dafür wird die aufgabe für den leser dank einheitlicher schreibung und vorstrukturierung des textes deutlich erleichtert. es gibt deshalb m.e. keine insgesamt “bessere” regelung was die gross/kleinschreibung betrifft, sondern nur ein abwägen zwischen leichterem schreiben und leichterem lesen.

 substantive grosssubstantive kleinalles klein
erleichterte erkennung von satzanfängen(x)x
erleichterte erkennung von eigennamen(x)x
erleichterte wortartenbestimmungx
erleichterte syntaxanalysex
reduzierter aufwand des schreibers(x)x
reduzierter aufwand des lesersx(x)

PS: ich danke mxp für den auszug aus dem text von renner.

referenz

Renner, P. : Das moderne Buch. Rede auf der im August des Jahres 1946 in Lindau stattgefundenen ersten Tagung der Verleger und Buchhändler der französisch besetzten Zone. Lindau, ²1948.

  1. zitiert nach: Renner 1948:13 []