auflagen und nachdrucke

Linguistik,Uni,VGS — 28. Sep 2011

bei büchern, die in mehreren auflagen erschienen sind, ist gemäss den üblichen akademischen richtlinien stets die neueste auflage zu zitieren. etwas unklarer ist die situation bei nachdrucken. hier habe ich schon alles gesehen: es wird das jahr der ursprünglichen publikation zitiert, es wird das jahr des nachdrucks zitiert, oder es werden beide jahreszahlen angegeben.

meistens wird empfohlen, von diesen das jahr der ursprünglichen publikation vorzuziehen, da der leser daraus sofort schliessen kann, auf welchem forschungsstand sich das werk befindet. zudem ist es etwas irritierend, einen literaturverweis wie “braune 2011” zu sehen, wenn man weiss dass w. braune bereits 1926 verstorben ist, und es sich bei “2011” nur um das jahr des nachdruckes handelt. das jahr des nachdrucks interessiert meistens auch nicht wirklich – in der regel gibt es keinen grund, warum jemand speziell am nachdruck interessiert sein sollte, und das aufstöbern des titels gelingt bei nachdrucken in der regel auch dann, wenn man nur die angaben der ursprünglichen publikation zur hand hat.

so weit die theorie. in der praxis sieht es allerdings nochmals anders aus…

eine schwierigkeit ist, dass man in manchen fällen nur schwer zwischen nachdruck und neuauflage unterscheiden kann. die nachdrucke sind in der regel “unveränderte nachdrucke”, aber eben nicht immer: zum teil gibt es auch solche nachdrucke, bei denen einige dinge korrigiert wurden. in diesem fall handelt es sich ja beim neudruck um eine “bessere” version, und man kann durchaus argumentieren, dass diese nun die massgebliche, zu zitierende fassung sei. man will ja nicht noch die fehler der letzten gültigen auflage zitieren, wenn bereits ein korrigierter druck erschienen ist, richtig?

ob es sich bei einem nachdruck um einen “unveränderten” handelt, ist in gewissen fällen nur schwer herauszubekommen. häufig findet man nur jahreszahlen beim copyright-vermerk, ohne dass ganz klar wäre, ob sich zwischen den drucken etwas geändert hat (“(c) 1976, 1985, 2001”).

umgekehrt trifft man immer wieder neuauflagen, wo man im impressum/vorwort erfährt, dass es sich in tat und wahrheit lediglich um einen nachdruck handelt. wieso ein solcher titel dann überhaupt als neuauflage deklariert wird, kann man sich zu recht fragen.

eine besondere knacknuss, mit der ich es vor kurzem zu tun hatte, ist das schwedische etymologische wörterbuch von elof hellquist. versionen davon sind mindestens in folgenden jahren erschienen: 1922, 1939, 1948, 1966, 1980. im druck von 1948 erfährt man im vorwort folgendes:

TREDJE UPPLAGAN
utgör ett oförändrat omtryck av andra upplagan. Vid denna omtryckning ha tryckfel rättats och smärre ändringar gjorts.
Lund i oktober 1948. C. W. K. Gleerups förlag

die dritte auflage ist also offenbar nichts anderes als ein “unveränderter neudruck” der zweiten auflage. gleichzeitig erfährt man aber, dass druckfehler verbessert und kleinere änderungen vorgenommen wurden – also doch kein “unveränderter neudruck”!

noch seltsamer wird es, wenn man den eintrag im vorwort des drucks von 1980 (meines wissens der neueste) vergleicht:

TREDJE UPPLAGAN
I denna fjärde tryckning har ett antal smärre tryckfel rättats.
Lund i januari 1980. LiberLäromedel Lund

(eigenartig ist übrigens, dass zwar die vorworte zur ersten und zweiten auflage mitabgedruckt sind, die notiz von 1948 aber entfernt wurde).

im jahr 1980 wurden also ebenfalls nur kleinere druckfehler verbessert, doch diesmal hat man entschieden, das ganze nicht als 4. auflage sondern “nur” als neudruck der 3. auflage zu deklarieren. damit verwischen natürlich die grenzen zwischen beidem vollends…

wenn man sich nun fragt, welche dieser versionen man zu zitieren hat, ergibt sich folgendes dilemma:

gemäss üblicher richtlinie hat man stets die neueste auflage zu zitieren, und das wäre in diesem fall die 3. auflage von 1948; will man die “korrekteste” fassung zitieren, dann muss man sich an die von 1980 halten (3. auflage, 4. druck von 1980, mit verbesserung von druckfehlern); sieht man sich jedoch dem prinzip verpflichtet, die jahreszahl anzugeben, die den forschungsstand anzeigt, müsste man noch die 2. auflage von 1939 zitieren, da sich die 3. auflage als “nachdruck” der 2. auflage ohne inhaltliche änderungen entpuppt hat…

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