leute evakuieren

Etymologie,Linguistik — 17. Jan 2012

herkömmlicherweise werden bei bränden, unfällen, erdbeben und anderen katastrophen gebäude evakuiert. auch grosse fahrzeuge wie züge, cars oder – wie derzeit gerade aktuell – kreuzfahrtschiffe müssen bei gewissen ereignissen evakuiert werden.

neu ist allerdings, dass auch leute evakuiert werden. so wurden etwa nach dem unglück in fukushima gemäss zeitungsberichten zweihunderttausend bewohner evakuiert (link). in der waadt sind im letzten jahr nach einer anonymen bombendrohung rund 245 personen […] aus dem spital […] evakuiert worden (link). ähnlich beim hochwasser im herbst 2011, hier meldet die NZZ: insgesamt evakuierten die rega und ihre partner im überschwemmungsgebiet im berner oberland am nachmittag und abend rund 50 vom hochwasser bedrohte personen (link).

die herkunft des wortes ist schnell erklärt: es geht auf das lateinische adjektiv vacuus -a -um zurück, das ‘leer’ bedeutet; dazu ist das verb ēvacuāre ‘entleeren’ gebildet. von der selben grundlage haben wir im deutschen noch das vakuum ‘luftleerer raum’. evakuieren heisst also ursprünglich ‘leer machen, entleeren’. vor diesem hintergrund ergeben die formulierungen häuser evakuieren und schiffe evakuieren natürlich unmittelbar sinn, personen evakuieren dagegen weniger. was mit personen evakuieren im wörtlichen sinn gemeint sein könnte, möchte ich lieber nicht so genau wissen – ich stelle mir vor, es hat etwas mit chirurgen und einem skalpel zu tun.

natürlich ist aber personen evakuieren nicht falsch – es entspricht heute gängigem sprachgebrauch. es ist jedoch in anbetracht der etymologie völlig klar, dass es sich gegenüber der formulierung häuser evakuieren und schiffe evakuieren um eine jüngere verwendungsweise handelt, die erst möglich wurde, nachdem das wort evakuieren in seiner ursprünglichen bedeutung nicht mehr richtig verstanden worden ist.

(ps: auf die entwicklung des wortes evakuieren bin ich vor einiger zeit bei der lektüre eines blogs oder buches aufmerksam geworden, kann mich aber derzeit nicht erinnern, wo es war. jedenfalls reklamiere ich die beobachtung zur erweiterten verwendungsweise von evakuieren nicht für mich.)

batterie

Etymologie,Linguistik — 2. Oct 2011

vor gut einer woche war ich in der stadt basel, genauer gesagt auf der batterieanlage. bei dieser gelegenheit haben meine begleiter und ich uns gefragt, was es mit dem namen batterie auf sich hat, und ob es sich um dasselbe wort handelt wie bei batterie im sinn von ‘mobiler energiespeicher’.

nun zeigt sich, dass das wort batterie im deutschen seit dem 17. jahrhundert existiert und zunächst einen militärischen verwendungszweck hat. es bezeichnet eine aus mehreren einheiten bestehende artillerieeinheit. offenbar war die präzision der kanonen damals noch so schlecht, dass man jeweils mehrere kanoneneinheiten zu einer gruppe zusammenfasste und auf das selbe ziel schiessen liess, um die chance zu erhöhen, einen treffer zu landen. in dieser bedeutung ist das wort aus dem französischen bezogen, vgl. franz. batterie, eigentlich wörtlich ‘das schlagen’ (vom verb battre ‘schlagen’). auch der militärische ausdruck bataillon ‘militärischer verband’ geht auf diese grundlage zurück.

später wurde das wort auch auf den ort übertragen, wo sich die batterie befindet – also den artilleriestützpunkt. in diesem sinn ist also die batterieanlage in basel zu verstehen.

bei der batterie im sinn von ‘mobiler energiespeicher’ handelt es sich offenbar etymologisch gesehen tatsächlich um das selbe wort. im deutschen kommt es in dieser bedeutung erst seit dem 18. jh. vor und wurde über engl. battery vermittelt. wie es zu dieser bedeutungsübertragung kam scheint nicht restlos geklärt, aber die etymologen meinen, es dürfte etwas damit zu tun gehabt haben, dass bei einer batterie (‘artillerieeinheit’) – wie gesagt – mehrere kanonen zu einer einheit kombiniert wurden, um einen bestimmten wirkungsgrad zu erreichen. historische batterien (im sinn von ‘energiespeicher’) sind nämlich ebenfalls aus mehreren elementen aufgebaut, da sie erst durch die reihenschaltung mehrerer galvanischer zellen die gewünschte wirkung entfalten.

referenzen
kluge, f. & seebold, e. (2002): etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin. 24. auflage.
pfeifer, w. (1997): etymologisches wörterbuch des deutschen. münchen. 3. auflage.
wyld, h. c. (1961): the universal dictionary of the english language. london.

auflagen und nachdrucke

Linguistik,Uni,VGS — 28. Sep 2011

bei büchern, die in mehreren auflagen erschienen sind, ist gemäss den üblichen akademischen richtlinien stets die neueste auflage zu zitieren. etwas unklarer ist die situation bei nachdrucken. hier habe ich schon alles gesehen: es wird das jahr der ursprünglichen publikation zitiert, es wird das jahr des nachdrucks zitiert, oder es werden beide jahreszahlen angegeben.

meistens wird empfohlen, von diesen das jahr der ursprünglichen publikation vorzuziehen, da der leser daraus sofort schliessen kann, auf welchem forschungsstand sich das werk befindet. zudem ist es etwas irritierend, einen literaturverweis wie “braune 2011” zu sehen, wenn man weiss dass w. braune bereits 1926 verstorben ist, und es sich bei “2011” nur um das jahr des nachdruckes handelt. das jahr des nachdrucks interessiert meistens auch nicht wirklich – in der regel gibt es keinen grund, warum jemand speziell am nachdruck interessiert sein sollte, und das aufstöbern des titels gelingt bei nachdrucken in der regel auch dann, wenn man nur die angaben der ursprünglichen publikation zur hand hat.

so weit die theorie. in der praxis sieht es allerdings nochmals anders aus…

eine schwierigkeit ist, dass man in manchen fällen nur schwer zwischen nachdruck und neuauflage unterscheiden kann. die nachdrucke sind in der regel “unveränderte nachdrucke”, aber eben nicht immer: zum teil gibt es auch solche nachdrucke, bei denen einige dinge korrigiert wurden. in diesem fall handelt es sich ja beim neudruck um eine “bessere” version, und man kann durchaus argumentieren, dass diese nun die massgebliche, zu zitierende fassung sei. man will ja nicht noch die fehler der letzten gültigen auflage zitieren, wenn bereits ein korrigierter druck erschienen ist, richtig?

ob es sich bei einem nachdruck um einen “unveränderten” handelt, ist in gewissen fällen nur schwer herauszubekommen. häufig findet man nur jahreszahlen beim copyright-vermerk, ohne dass ganz klar wäre, ob sich zwischen den drucken etwas geändert hat (“(c) 1976, 1985, 2001”).

umgekehrt trifft man immer wieder neuauflagen, wo man im impressum/vorwort erfährt, dass es sich in tat und wahrheit lediglich um einen nachdruck handelt. wieso ein solcher titel dann überhaupt als neuauflage deklariert wird, kann man sich zu recht fragen.

eine besondere knacknuss, mit der ich es vor kurzem zu tun hatte, ist das schwedische etymologische wörterbuch von elof hellquist. versionen davon sind mindestens in folgenden jahren erschienen: 1922, 1939, 1948, 1966, 1980. im druck von 1948 erfährt man im vorwort folgendes:

TREDJE UPPLAGAN
utgör ett oförändrat omtryck av andra upplagan. Vid denna omtryckning ha tryckfel rättats och smärre ändringar gjorts.
Lund i oktober 1948. C. W. K. Gleerups förlag

die dritte auflage ist also offenbar nichts anderes als ein “unveränderter neudruck” der zweiten auflage. gleichzeitig erfährt man aber, dass druckfehler verbessert und kleinere änderungen vorgenommen wurden – also doch kein “unveränderter neudruck”!

noch seltsamer wird es, wenn man den eintrag im vorwort des drucks von 1980 (meines wissens der neueste) vergleicht:

TREDJE UPPLAGAN
I denna fjärde tryckning har ett antal smärre tryckfel rättats.
Lund i januari 1980. LiberLäromedel Lund

(eigenartig ist übrigens, dass zwar die vorworte zur ersten und zweiten auflage mitabgedruckt sind, die notiz von 1948 aber entfernt wurde).

im jahr 1980 wurden also ebenfalls nur kleinere druckfehler verbessert, doch diesmal hat man entschieden, das ganze nicht als 4. auflage sondern “nur” als neudruck der 3. auflage zu deklarieren. damit verwischen natürlich die grenzen zwischen beidem vollends…

wenn man sich nun fragt, welche dieser versionen man zu zitieren hat, ergibt sich folgendes dilemma:

gemäss üblicher richtlinie hat man stets die neueste auflage zu zitieren, und das wäre in diesem fall die 3. auflage von 1948; will man die “korrekteste” fassung zitieren, dann muss man sich an die von 1980 halten (3. auflage, 4. druck von 1980, mit verbesserung von druckfehlern); sieht man sich jedoch dem prinzip verpflichtet, die jahreszahl anzugeben, die den forschungsstand anzeigt, müsste man noch die 2. auflage von 1939 zitieren, da sich die 3. auflage als “nachdruck” der 2. auflage ohne inhaltliche änderungen entpuppt hat…

wie man schwer auftreibbare bücher auftreibt

Uni,VGS — 1. Jul 2011

(die folgenden tipps beziehen sich auf den standort zürich.)

lokale ausleihe
startpunkt ist der IDS gesamtkatalog (altes interface). es gibt auch ein neues interface, das ich aber deutlich weniger bequem zu benutzen finde.

mit der IDS-suche findet man titel in bibliotheken der universität zürich, der ZB sowie der ETH (die ETH hat mehr geisteswissenschaftliche bücher als man meinen würde).

ACHTUNG: diese suche ist nicht flächendeckend:

– nicht erfasst sind titel in der ZB, die älter sind als 1989. auf diese muss man über den digitalen zettelkatalog zugreifen. die benutzung desselben ist nicht ganz intuitiv – man muss ihn auch online so benutzen, wie wenn man vor dem offline-katalog stehen würde, d.h. man muss sich überlegen, welches im papierkatalog das ordnungswort wäre und nach diesem suchen.

– nicht erfasst sind sämtliche bücher des indogermanischen seminars. diese muss man vor ort am institut einsehen.

fernleihe
wenn man in der lokalen ausleihe nicht fündig wird, weitet man das suchfeld aus. zunächst benutzt man wiederum die IDS-gesamtsuche, wo auch die kataloge der unis bern/basel, luzern und st. gallen eingebunden sind. wenn man dort fündig wird, kann man sich die titel für eine kleine gebühr per kurier in die ZB liefern lassen (und nachher dort wieder zurückgeben).

wenn das noch nicht reicht, kann man es mit einer gesamtschweizerischen bibliothekssuche versuchen. dafür gibt es seit einer weile swissbib.ch, wo man titel auch etwa in bibliotheken aus der romanischsprachigen schweiz findet. bestellen kann man diese titel über die ZB, wobei eine etwas höhere gebühr anfällt als beim IDS kurier. zum bestellen loggt man sich auf zb.uzh.ch in sein ZB-benutzerkonto ein. dort sieht man dann eine option “Fernleihe-ZBZ – neue Bestellung”.

findet man auch bei swissbib.ch nichts, kann man bei der ZB eine unspezifische fernleihe aufgeben, und zwar über das gerade erwähnte formular “Fernleihe-ZBZ”. die ZB sucht dann selber nach einer bibliothek, die den titel hat. bei einer bestellung aus dem ausland fallen zusätzliche gebühren an.

herunterladen
mittlerweile gibt es eine reihe von webseiten im internet, die bücher zum download bereitstellen. es handelt sich allerdings ganz überwiegend um titel, die so alt sind, dass ihr urheberrecht abgelaufen ist. dies betrifft grob gesagt titel die vor ca. 1920 erschienen sind (faustregel: todesjahr des autors plus 70 jahre). die besten adressen dafür sind archive.org und google books. letzten endes gehen die allermeisten bei archive.org erhältlichen titel auf google books zurück. erstaunlicherweise ist aber die abdeckung bei archive.org viel besser, da google books zu einem bestimmten zeitpunkt viele bücher, die eigentlich schon gemeinfrei sind und als solche zum download angeboten wurden, wieder vom netz genommen hat. diese sind in der regel bei archive.org noch zu finden. für den download als PDF muss man bei archive.org jeweils auf der trefferseite links “All Files: HTTP” anklicken, und dort die PDF datei bzw. – falls es mehrere gibt – diejenige mit _bw.PDF (= black and white scan). der direkte link zum download funktioniert meistens nicht. zudem gibt es bei archive.org einen recht netten webbasierten buchleser.

eine weitere gute adresse ist die openlibrary.org, wo immer mehr titel online abrufbar sind. die meisten verfügbaren titel stammen dort meines wissens von archive.org.

natürlich lohnt sich auch immer eine simple websuche, aber darauf muss ich wohl nicht extra hinweisen.

kaufen
falls all dies noch nicht zum gewünschten resultat geführt hat, bleibt noch die option “kaufen”. die besten chancen hat man bei antiquariatsverbünden, von denen ich mit zvab und abebooks die besten erfahrungen gemacht habe. für skandinavistische bedürfnisse empfehle ich antikvariat.net – dort findet man mit etwas glück auch altgermanistische raritäten. auch über die amazon-buchsuche (marketplace) findet man gelegentlich interessante angebote.

fachrelevante bücher sind überwiegend vergriffen. falls es sich um etwas ganz neues, etwas ganz altes oder einen “bestseller” handelt, gibt es aber doch eine chance, dass der titel über den normalen buchhandel erhältlich ist.

vorsicht geboten ist bei neudrucken von ganz alter forschungsliteratur. in jüngster zeit haben sich eine ganze reihe von print-on-demand verlagen etabliert, die alte titel mit abgelaufenem urheberrecht neu auflegen. aber caveat emptor!: es handelt sich häufig um veraltete editionen, deren “echtes” publikationsdatum/auflage bei der bestellung nicht ersichtlich ist. sie sind ausserdem meist sehr billig gemacht, mit fehlern auf der titelseite, mieser druckqualität (so dass der text teilweise fast nicht lesbar ist), schiefen seiten usw.. berüchtigte verlage dieser art sind nabu press, kissinger pub co, koch media, bibliobazaar, … löbliche ausnahme sind die reprints der cambridge university press, die z.b. den grundriss von brugmann in einer recht nett gemachten fassung neu aufgelegt haben.

ein spezialfall sind amerikanische dissertationen. diese sind in der regel im buchhandel nicht erhältlich, da sie nicht bei verlagen gedruckt werden. man kann sie aber hier zu nicht ganz billigen preisen bestellen.

eine gesonderte erwähnung verdienen die titel des verlags von peter lang. dort erscheinen immer wieder sprachwissenschaftliche titel, die ich aus irgendeinem grund im normalen buchhandel nicht finde. bestellungen sind aber direkt über die verlagshomepage möglich.

notfälle
in notfällen kann man sich immer in den zug nach konstanz setzen. die ub konstanz ist von zürich aus in 1h30min erreichbar und hat durchgehend offen (24/7).

falls jemand weitere heisse tipps hat, bin ich froh um entsprechende hinweise.

mit schneller, gross genuger festplatte

Linguistik — 21. Apr 2011

gross genuger?

für die meisten muttersprachler tönt diese formulierung wohl ziemlich schief. eine suche im www zeigt jedoch, dass sie gar nicht so selten ist: für gross genuger findet google 78 treffer, für gut genuger (schauspieler/tänzer/coach/…) 170 stück, und für genuger alleine sogar >3,800. nun eignet sich das www bekanntlich nur bedingt als corpus, aber die zahlen sind doch so hoch, dass es sich um mehr als nur einige zufallstreffer handeln muss.

stein des anstosses für unser sprachgefühl ist, dass -er eine adjektivendung ist, die eigentlich nicht an adverbien wie genug angehängt werden kann. sie bezeichnet im konkreten fall den dativ singular eines femininen, bestimmten adjektivs. es heisst langer, gelber, krummer, aber nicht †gerner, †balder, †allerdingser oder eben †genuger. die konstruktion entbehrt aber nicht einer gewissen grammatischen logik: hier wurde anstelle von gross die durch ein adverb modifizierte variante gross genug eingesetzt, folglich muss es im dativ nicht gross-er sondern [gross genug]-er heissen.

das beispiel zeigt, dass flexion keineswegs auf einzelne wörter beschränkt ist. offenbar können die sprecher auch eine ganze phrase, wenn sie syntaktisch die funktion eines adjektivs hat, wie ein adjektiv flektieren.

dieses zunächst vielleicht überraschend wirkende phänomen entpuppt sich im sprachvergleich allerdings nicht als etwas aussergewöhnliches – es gibt diverse parallelfälle, von denen ein besonders bekannter der englische genitiv ist. im englischen heisst es:

John’s sandwich
my mother’s sandwich
the king and queen of Sweden’s sandwich

aus den beispielen geht ganz klar hervor, dass sich der ‘s-genitiv jeweils auf die gesamte nominalphrase und nicht bloss auf ein einzelnes substantiv bezieht:

[John]’s sandwich
[my mother]’s sandwich
[the king and queen of Sweden]’s sandwich

aus diesem grund haben manche forscher gemeint, es handle sich dabei gar nicht mehr um einen kasus (genitiv) sondern um eine allgemeinere form von possessivmarkierung. doch wieso sollte sich eine kasusmarkierung bloss auf ein einzelnes substantiv beziehen können? die neubewertung des englischen genitivs als possessivmarker erscheint mir unnötig.

man kann sich denken, dass diese formulierungen im englischen zunächst einen ähnlich zweifelhaften status hatten wie heute gross genuger im deutschen. heute sind sie allerdings allgemein akzeptiert und werden in jeder englischen grammatik beschrieben.

im deutschen sind gross genuger und gut genuger derzeit sicher selten und würden von vielen muttersprachlern (und vielen lehrpersonen ;] ) vermutlich als “falsch” abgelehnt. aber die konstruktion füllt eine echte lücke (wie würde man es sonst sagen? mit gross genug seiender festplatte?) und es spricht im prinzip nichts dagegen, dass sie sich dereinst im deutschen ausbreiten und zu einer geläufigen und allgemein akzeptierten ausdrucksweise werden könnte.

update 23. mai 2011
ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass es bei henzen (deutsche wortbildung, 3. auflage, tübingen 1965) §167.5 weitere (z.t. dialetktale) beispiele für adverbien gibt, die zu adjektiven umfunktioniert wurden: ein teilweiser erfolg, schrittweises vorgehen, mit kaumer not. mein persönlicher liebling ist ein ab-er knopf (= ein knopf, der ab ist).

während

Etymologie,Linguistik — 8. Apr 2011

nun noch zur präposition/konjunktion während. die entstehung dieses wortes wird dann verständlich, wenn wir es mit dem heute etwas altmodisch klingenden und eher selten gebrauchten verb währen im sinn von ‘(an)dauern’ in verbindung bringen, z.B. in der krieg währte dreissig jahre. ist diese verbindung einmal etabliert, kann während formal problemlos mit dem präsenspartizip zu diesem verb identifiziert werden (so wie spielend zu spielen oder singend zu singen). wie aber kann es dazu gekommen sein, dass sich auf grundlage eines präsenspartizips eine präposition/konjunktion entwickelt hat?

vermutlich hat man an formulierungen wie in der zeit währender kriege oder nach dreissig jahre währendem krieg zu denken, die als in der zeit während der kriege bzw. während dem krieg missverstanden werden konnten. man hat also wohl aufgrund einer falschen segementierung gemeint, bei den wortauslauten -der und -dem handle es sich um den bestimmten artikel. in dieser analyse musste während als eine temporale präposition erscheinen, und als solche kam sie dann auch in allgemeinen gebrauch.

auch im fall von während ist es also möglich, durch den vergleich mit daten aus der gegenwartssprache, in diesem fall konkret durch die anknüpfung an das verb währen ‘(an)dauern’, etwas über die geschichte des wortes zu erfahren.

dieser beitrag beschliesst meine mini-serie zur etymologie.

referenzen
kluge, f. & seebold, e. (2002): etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin. 24. auflage.
pfeifer, w. (1997): etymologisches wörterbuch des deutschen. münchen. 3. auflage.

fertig

Etymologie,Linguistik — 1. Apr 2011

ein etwas schwierigerer fall ist fertig. die meistens muttersprachler können das wort vermutlich spontan nicht direkt an anderes wortmaterial anschliessen. dennoch ist die erklärung des wortes eigentlich relativ naheliegend; als hindernis entpuppt sich vor allem die orthographie. hält man sich einmal die (hochdeutsche) aussprache vor augen (bzw. ohren), ist es nicht allzu schwierig, auf eine verbindung zu fahren, fahrt und fähre zu schliessen. würde das wort (etymologisch richtig) fährtig geschrieben, wäre der zusammenhang sogar offensichtlich. das wort hängt mit fahren oder genauergesagt mit dem abstraktum fahrt zusammen: es ist ein von letzterem abgeleitetes adjektiv mit der ausgangsbedeutung ‘zur fahrt bereit, beweglich’. man kann sich vorstellen, dass es zunächst für einen zur abfahrt bereit gemachten wagen, eine zu transportierende ware, eine reisebereite person oder etwas in der art benutzt wurde, bevor es in seiner bedeutung verallgemeinert und für ‘bereit’ im generellen sinn, später auch für ‘abgeschlossen’ oder ‘erledigt’ verwendet wurde.

die verbindung zu einer bedeutung ‘befördern, transportieren’ zeigt sich noch in dialektalem sprachgebrauch. im bündner-walserischen etwa gibt es heute noch das gängige verb fergge(n) im sinn von ‘bringen, befördern’. dieses muss von fertig abgeleitet worden sein, als es noch die ältere bedeutung ‘transportbereit’ hatte. das neuhochdeutsche fertigen, das ihm strukturell genau entspricht, bedeutet dagegen ‘herstellen’ und stammt folglich aus einer zeit, wo fertig bereits den übergang von ‘zur fahrt bereit’ zu ‘bewerkstelligt, fertig, gemacht’ vollzogen hatte.

nächste woche: während.

lesen und auflesen

Etymologie,Linguistik — 17. Mar 2011

im anschluss an den letzten beitrag zum wort bisschen versuche ich wiederum an einem beispiel zu zeigen, wie man durch nachdenken über die sprache etwas über ihre geschichte lernen kann. diesmal geht es um das wort lesen ‘schrift interpretieren’. für sich alleine genommen verrät es wenig über seine herkunft, doch gibt es verwandtes wortmaterial, das uns erahnen lässt, wie lesen zu seiner heutigen bedeutung gekommen sein kann. ich denke dabei an die wörter auflesen und auslesen. in diesen zwei verben steckt offensichtlich das selbe wort -lesen drin, jeweils mit einer vorsilbe (präfix) versehen. die bedeutung unterscheidet sich aber grundlegend. mit der interpretation von schrift hat weder auflesen noch auslesen etwas zu tun – stattdessen geht es hier darum, ‘etwas vom boden aufzunehmen, aufzusammeln’ bzw. ‘etwas auszuwählen, etwas (aus einer menge) herauszupicken’. angenommen, die präfixbildungen hätten eine ältere bedeutung bewahrt, ergibt sich für das verb lesen ein anschauliches bild: nämlich das ‘aufnehmen’ oder ‘aufsammeln’ von buchstaben und wörtern. und tatsächlich eklären sich die etymologen die bedeutungsentwicklung des wortes auf diese oder eine ähnliche weise. dabei dürfte auch das lateinische verb legere eine rolle gespielt haben, das ein ganz ähnliches bedeutungsspektrum hatte und damit im verdacht steht, das vorbild für das deutsche lesen im sinn von ‘schriftzeichen interpretieren’ gewesen zu sein.

auch in anderen fällen lässt sich zeigen, dass präfixverben eine ältere wortbedeutung bewahren, während das wort, wo es ohne präfix vorkommt, einen bedeutungswandel durchgemacht hat. zum beispiel dürfen. das wort ist heute ein modalverb, das in erster linie im bedeutungsfeld ‘erlaubnis haben’ anzusiedeln ist. dass es nicht immer diese bedeutung gehabt hat, zeigt das präfixverb bedürfen – es weist auf eine ausgangsbedeutung ‘nötig haben’, die auch vom abgeleiteten substantiv bedarf und vom adjektiv bedürftig gefordert wird. übrigens hängt auch darben ‘mangel leiden’ damit zusammen, wenn auch die verwandtschaft in diesem fall etwas weniger direkt ist. dürfen hat also eine bedeutungsveränderung von ‘nötig haben’ zu ‘erlaubnis haben’ erfahren, die sich vermutlich in negierten sätzen entwickelte (‘hat nicht nötig’ → ‘muss nicht, soll nicht’ → ‘hat keine erlaubnis zu’). bedürfen hat dagegen den älteren stand bewahrt.

damit ist gezeigt, dass die bedeutungsentwicklung von lesen durch einen vergleich mit den präfixverben auflesen und auslesen erschlossen werden kann, weil die präfixverben eine ältere bedeutung erhalten haben – ein phänomen, für das sich bei dürfen und bedürfen eine parallele fand.

nächste woche: fertig.

bisschen und schlückchen

Etymologie,Linguistik — 4. Mar 2011

jeden tag verwenden wir sprache, ohne gross darüber nachzudenken, was es mit den wörtern und sätzen, die wir gebrauchen, auf sich hat. warum sagen wir so und nicht anders? im alltag ist diese frage unwichtig – sprache ist konvention, und als solche können wir sie nutzen, ohne sie zu hinterfragen.

wer sich aber die zeit nimmt, über seine sprache nachzudenken, kann einiges über sie und ihre geschichte in erfahrung bringen. es ist sogar recht erstaunlich, wie weit man ganz ohne etymologische wörterbücher und historische grammatiken kommt (obwohl – wer es genau wissen will kommt um diese natürlich nicht herum).

nehmen wir das wort bisschen. bei genauerem hinsehen ist das wort für jeden muttersprachler völlig durchsichtig: es ist eine verkleinerungsform mit -chen zu einem substantiv biss, das seinerseits vom verb beissen abgeleitet ist. die ursprüngliche bedeutung lässt sich als ‘kleiner bissen’ erschliessen. wie aber kommt es zur heutigen verwendung als adjektiv oder adverb mit der bedeutung ‘eine kleine menge’ (ein bisschen geld) oder ‘in geringem mass’ (ein bisschen zu spät)? auch dies ist nicht schwer zu erkennen: die heutige verwendung von bisschen wird ihren ursprung in sätzen gehabt haben, wo es um eine kleine menge von etwas essbarem ging, z.b. ein bisschen brot oder ein bisschen torte. in solchen sätzen konnte das wort bisschen statt als ‘ein kleiner bissen’ auch schlicht als eine ‘eine kleine menge von etwas’ aufgefasst werden, und dies erlaubte, das wort auch für ein bisschen wasser oder ein bisschen zeit zu verwenden, obwohl dort der bezug zu ‘beissen’ nicht mehr gegeben war. von dort war es nur noch ein kleiner schritt, das wort auch für tätigkeiten zu gebrauchen, die ‘in geringem mass’ stattfanden (ich fror ein bisschen).

man kann sich vorstellen, dass etwas paralleles auch mit schlückchen hätte passieren können, d.h. dass man ausgehend von phrasen wie ein schlückchen wein formulierungen wie ein schlückchen geld oder ich fror ein schlückchen hätte kreieren können. offenbar gab es aber kein bedürfnis dafür, noch ein weiteres wort für ‘eine kleine menge von etwas’ zu schaffen. so befinden wir uns also heute in der etwas paradoxen situation, zwar ein bisschen wein, nicht aber ein schlückchen brot zu uns nehmen zu können.

nächste woche: lesen und auflesen.

die bildung und das volkswirtschaftsdepartement

politics,Uni — 6. Feb 2011

bundesrat schneider-ammann möchte, genau wie schon seine vorgängerin als wirtschaftsministerin, bundesrätin leuthard, die bildung dem volkswirtschaftsdepartement einverleiben. “die bildung gehört ganz nahe zur wirtschaft”, sagt er.

dem möchte ich widersprechen.

es ist unbestritten, dass die bildung eine wichtige funktion zur speisung der wirtschaft mit kompetenten fachkräften hat. aber die bildung zum ‘teilbereich’ der wirtschaft zu erklären, was die umstrukturierung faktisch zur folge hätte, verkennt, dass bildung viel mehr ist als eine vorbereitung auf bestimmte tätigkeiten in der wirtschaft. bildung, studium und wissenschaft sind für sich alleine genommen hohe güter, die nicht den wirtschaftlichen interessen untergeordnet werden dürfen.

es kann für die schweizerischen universitäten nicht von vorteil sein, wenn die bildung zu stark durch die “ökonomen-brille” gesehen wird. besonders für kleine fächer, die schon jetzt häufig mit abschaffungs- und sparbestrebungen konfrontiert sind, verhiesse das nichts gutes – denn aus sicht der ökonomen “rendieren” natürlich fächer mit wenigen studienanfängern wie indologie, osteuropastudien, prähistorische archäologie, indogermanistik usw. nicht. dass deren abschaffung ein grosser verlust wäre – wenn auch nicht einer, der in budget-berechnungen sichtbar würde – brauche ich wohl nicht zu betonen.

ich untestütze deshalb nachdrücklich die linie von schneider-ammanns parteikollegen burkhalter, der sich – soweit öffentlich bekannt – mit händen und füssen dagegen wehrt, dass die bildung dem wirtschaftsdepartement angeschlossen wird. burkhalter beurteilt die situation m.e. genau richtig, wenn er “befürchte[t], dass die universitätsbildung sonst nur noch nach ökonomischen kriterien beurteilt würde, was für die forschung und lehre verheerend wäre” (nzz am sonntag vom 6. februar 2011, s. 15).

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